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Der Morgen · 1938-05-01 · Heft 2 (Mai 1938) · p. 74

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 2 (Mai 1938)
Article
Erinnerung eigenen Lebens
Date
1938-05-01
Page
74 (sequence 4)
Language
German
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JaJiob Picard Niederschrift der kleinen Geschichte „Der Ruf" schon durch Eduard Strauß kennen gelernt und hat das Motiv in der Anmerkung zu dem Jehuda Halevy-Gedicht „Hier bin ich" erwähnt. Und nun scheint es mir an der Zeit und notwendig, überhaupt mich etwas zu verbreiten über das, was ich erfahren habe, als dieses Buch herausgekommen war, und darauf zu erwidern, weil es fruchtbar sein und zu allgemeinen Erkenntnissen führen kann. Es begann damit, daß mir, als einige dieser Erzählungen in der Presse erschienen waren, ein sehr aktiver Zionist einer rheinischen Stadt vorhielt, die von mir dargestellten Menschen sprächen zuviel in unserem Landjüdisch, es sei an sich aus gewissen Gründen zuviel und man müsse damit vorsichtig sein; ferner meinte er ziemlich unverblümt, ich wolle mich wohl mit diesen eben erworbenen Kenntnissen brüsten. Ich erwiderte ihm: „Jetzt weiß ich wenigstens, warum Sie Zionist geworden sind. Ihren Minderwertigkeitskomplex möchte ich nicht haben." Worauf er mich verblüfft anschaute und fragte: „Wieso?" Darauf erwiderte ich ihm, der aus einem Laridstädtchen Hessens stammt, daß ja sein Großvater, wenn nicht sein Vater noch, so gesprochen hätten und daß er es nur zu ieugnen versuche und sich dessen schäme, weil er selbst eben sich noch nicht frei davon fühle und es falsch werte. Ich erwähne diesen Vorfall, weil er fast typisch ist und weil ich darum nachher ausführlicher die Voraussetzungen dieser Einwände erörtern möchte, die einmal dargelegt werden müssen. Manche Leute sagten nur, es sei ungeschickt von mir gewesen, so viele hebräische Ausdrücke zu verwenden, das werde dem wirtschaftlichen Erfolg, auf den es doch allein ankomme, schaden. Da half kein Erwidern künstlerischer Gründe und keine Betonung der Tatsache, daß das alles notwendige, wohlüberlegte Stilelemente seien. Man suchte mir zu beweisen, daß die Juden im östlichen Deutschland ein anderes Idiom des Jüdischen gesprochen hätten als das von mir gebrauchte. Darauf erklärte ich, das sei eben süddeutsches Hebräisch, das die von mir gestalteten Menschen sprächen. Und das war keineswegs ein billiger unsachlicher Witz; denn immer fügt sich das besondere Sprachidiom einer Minderheit dem mächtigeren Wesen des Idioms der Umgebung an. Zum Beweise konnte ich anführen, daß ich diese Sprache selbst noch gehört habe, ja, daß ich bereit sei, Zweifelnde in Ortschaften zu führen, wo heute noch Menschen so reden. Darüber war man fast beleidigt. Denn man hatte geglaubt, nur unter den Ostjuden sei Derartiges noch lebendig gewesen; und das ließ man schließlich gelten, weil das doch fern war und nicht im eigenen Land, so daß man sich dieser vermeintlich niedrigen Sprache, dieses mißachteten Wesens nicht zu schämen brauchte — immer wieder kam jener Komplex zu- 74

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