Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Erinnerung eigenen Lebens
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 73 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Erinnerung eigenen Lebens „Denn seine Welt soll ihm, o schön, im Gleichgewicht Von Schwermut und von heiterem Licht Zum ewigen Anbeginn hinübertauchen." Jetzt kam die Schwermut; zum ersten Male berührte Niedrigkeit mich selbst, und ich geriet in arge Verstrickung. Wenn ich heute zurückschaue auf jene Jahre, so fällt es mir schwer zu begreifen, wie ich sie überstehen konnte in ihrer zwiefachen Not. Nur dieses kann mich gerettet haben: es ist, neben dem geheim wirksamen Religiösen, der künstlerisch-ethische Mittelpunkt, um den ich immer noch, ja immer stärker kreiste und den ich stets in mir gespürt habe; und es waren einige wertvolle Freunde, die ich dort gewonnen hatte eben durch dieses besondere Wesen, vor allem aber die Urgebundenheit der Familie im tiefsten Sinn, die mich stützten: die alte Mutter lebte mir, ich hatte ein Kind und hatte Geschwister. . . Jeder auch ist zuletzt sein eigener Richter, und keine Qual fremden Urteils kann sich mit der des eigenen messen. Und wenn ich nun daran denke, wie ich doch bis hierher kam, so muß ich sagen, daß alles nötig war für das, was ich heute bin; gam su Ttauvo, auch dieses war zum Guten. Wer niemals vom Schicksal an der Wurzel getroffen worden ist, den hält es für wertlos; viele aber haben keine Wurzel. Rettung gibt es in solchen Fällen nur aus den letzten Reserven des einsamen Einzelnen selbst, die er in sich aufbringt. Als 1933 der politische Umsturz kam, war ich eben im Beginne einer neuen Bahn, hatte schon die Absicht, als Anwalt nach Konstanz in meinen alten Lebenskreis zurückzukehren, hatte aber gleichsam medial das vorgelebt, was allen anderen nun begegnete. Vielleicht ist es so, daß das Schicksal in Zeitwenden immer an Einzelnen seinen Willen zuerst und am deutlichsten zeigt. Seine Mittel sind unerforschlich, und man muß sich beugen. Von Anfang an hatte ich, das erkenne ich jetzt, immer ein anderes Leben geführt als der Durchschnitt der jüdischen Genossen meines bürgerlichen Berufes, wie der der gleichgearteten. Nie ließ ich es mir genügen, nur die notwendigsten Dinge des Alltags zu tun im lauen Wechsel mit kleinlichen Vergnügungen, so sehr der äußere Verlauf meiner Bahn dem typischen der anderen gleichen mochte. Nun begann ich, mich ganz dem zu widmen, wozu ich mich immer schon im Eigentlichsten berufen gefühlt hatte; ich wurde freier Schriftsteller. Manches, was ich längst geplant hatte, wurde jetzt in Angriff genommen, nicht nur Stoffe aus dem jüdischen Erlebensraum. Aber diese nun doch vor allem; denn vor Jahren schon, lange vor dem Umsturz, hatte ich Einzelnes gestaltet, was heute in meinem Buche „Der- Gezeichnete" zusammengefaßt ist. Franz Rosenzweig hat zum Beispiel die erste 73