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Der Morgen · 1938-05-01 · Heft 2 (Mai 1938) · p. 72

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 2 (Mai 1938)
Article
Erinnerung eigenen Lebens
Date
1938-05-01
Page
72 (sequence 2)
Language
German
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JaJtob Picard heins, Fleiners, Anschützens und Jaspers wie ihrer Schüler, die seither da und dort Bedeutsames leisten. Ein gepflegtes Freundeshaus oben am Berg auf dem Weg zum Schloß war ein Mittelpunkt der süddeutschen Zionisten, ja des deutschen Teiles der Bewegung überhaupt. Dort begegnete ich Chajim Weizmann, es war um 1912. Ich erinnere mich eines durch gehobene Gespräche erfüllten Sonntag-Nachmittags, während dessen ich aus dem eben erschienenen jüngsten Heft der „Neuen Rundschau" Franz Werfeis großes Gedicht „Jesus und der Aeserweg" vorlas, das dort erstmals gedruckt erschien. Um jene Zeit auch erlebte ich Martin Bubers „Drei Reden über das Judentum", und zur rechten Zeit für mich. Der Krieg brach über uns her. Als Freiwilliger Ende September 1914 an der Front erhielt ich bereits am 14. Oktober während der Schlacht das Eiserne Kreuz und blieb bis Sommer 1918 unverwundet, schließlich als Offizier und stets bei Maschinengewehrkompagnien, vierzig Monate nahezu und dauernd bei Kampftruppen in vorderster Linie im Westen und im Osten. Das Erlebnis wirkt heute noch in mir nach, ich will es nicht werten. Zwei meiner Brüder sind draußen gefallen. Man darf dazu nicht weiter Worte machen. Künstlerisch ergaben sich in den vier Jahren eine Anzahl Gedichte. Sie nehmen das ungeheure Geschehen hin ohne hohle Begeisterung, aber auch ohne die Anklage im luftleeren Räume lebender Optimisten; für mich war es Schicksal, freilich das schwerste, das dem Menschen begegnen kann. Immer fragte ich mich, wenn ich eine schwere Lage draußen überstanden hatte, und auch nachdem das große Unheil vorbei war: Für was bist du nach dem allem aufgespart, warum hast du es überstehen dürfen? — Nach dem Krieg, 1919, ließ ich mich in Konstanz als Rechtsanwalt nieder. Es waren jene Jahre, in denen alles in labilem Zustande schwebte, so daß ich von Anfang an nicht das Gefühl hatte, für immer in der alten Stadt zu bleiben. Wir fühlten alle in uns drohend Ungewisses, auf das es sich vorzubereiten galt. 1924 siedelte ich nach Köln über, einem Unstern folgend, in ganz neue Verhältnisse sowohl in menschlicher als in landschaftlicher Beziehung. Doch bekam die große Stadt mir an sich nicht schlecht. Ich heiratete; und nun fiel das Schicksal über mich her, so als ob jetzt eine Zeit der Vergeltung und des Ausgleichs kommen sollte, weil mein Leben, außer während der anormalen Kriegszeit, bisher in gehobenen, sauberen und leichten Bahnen verhältnismäßig sorglos hingelaufen war. Ich hatte einmal in einem Gedicht von Gott gesagt: 72

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