Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Erinnerung eigenen Lebens
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 71 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Picard: Erinnerung eigenen Lebens (Fortsetzung) Soll ich darlegen, wie ich zu meiner Prosa kam, so muß ich vorausschicken, daß anders als wohl in der Lyrik, im wahrhaft Epischen niemand Bedeutsames zu schaffen vermag ohne die Voraussetzung menschlicher Reife; wie er dazu kommt, das ist sein Schicksal. Es währte lange, und viele Proben waren nötig. Johann Peter Hebels kleine Erzählungen in ihrer unzerstörbaren Unmittelbarkeit waren, ich deutete es schon an, die erste Epik, die dem Knaben, ja dem Kinde durch Großmutter und Mutter nahe gebracht wurden; und es hat seinen guten Sinn, wenn heute noch der Urklang meiner Prosa dorther rührt: es ist der Sprachton der Heimat. Aber als Student las ich Jens Peter Jacobsen, und der Niels Lyhne begleitete mich jahrelang, wohin ich auch ging; Turgenjew und Maupassant zeigten mir durch ihren Realismus, worauf es ankommt, und auch Eduard Keyserlings zarter, seelisch feiner Schilderung einer bestimmten Menschenkultur verdanke ich wohl manche Aufschlüsse. Ich habe Dostojewski mit Erschütterung über mich ergehen lassen, ohne daß künstlerisch sichtbare Nachwirkungen blieben. Und dieses vor allem: seit ich wach geworden bin, las ich wieder und wieder den Michael Kohlhaas und die Wahlverwandtschaften, zwei Werke, die in ihrer Frische immer auf mich wirken, als läse ich sie aus der ersten Niederschrift im Manuskript. Vor allem Kleists Novelle hat mich belehrt, was es heißt, zu fesseln und ein Motiv zu erschöpfen; denn erzählen heißt, wie Jakob Wassermann einmal deutlich gesagt hat, fesseln wollen. Bei diesen Lehrern jedoch habe ich auch erkannt, daß man einfach sein, zum Einfachen vordringen und wahr sein, und daß jedes epische Werk seinen eigenen klaren Mittelpunkt haben muß, aus dem es lebt. Den Mut zu meinen ländlichen Erzählungen aber erhielt ich durch eine Novelle von Gogol, das weiß ich gewiß. . . Das Letzte freilich ist unbestimmt, unwägbar und kann weder gelernt noch gelehrt werden. Wie Vieles war zu überwinden! — Nach den Münchner Studentenjahren war ich als Referendar bis kurz vor Ausbruch des Krieges in Heidelberg. Jahre waren es voll aufgeschlossenen, heiteren und doch nicht oberflächlichen Lebens des nun schon Herangewachsenen; neue Freunde kamen, und es begegnete mir Frau und Liebe. Es war jene Heidelberger Zeit, die ihr Bild erhielt durch die Gestalt Max Webers, Stefan Georges, Gundolfs schon, Friedrich Alfred Schmidt-Nörrs, Got- 71