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Der Morgen · 1938-05-01 · Heft 2 (Mai 1938) · p. 69

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 2 (Mai 1938)
Article
Die Verlobung
Date
1938-05-01
Page
69 (sequence 5)
Language
German
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Die Verlobung Leib Huß bemerkt, da der Wiznitzer die Münze auf der Handfläche ruhen läßt, daß es sich um ein durchgebrochenes Fünfzigkopekenstück handelt Auch die übrigen drei Begleiter äugen neugierig auf die Münzhälfte und schaffen sich dadurch die unbeantworteten Fragen für eine Weile aus dem Kopfe. Der Waldhändler, der ein hochgewachsener Mann ist, rückt von seinem Platz ein wenig ab, um vorgeneigt besser lauschen zu können, denn der Rabbi spricht leise. Er reicht dem erstaunten Huß die zerstückte Münze und spricht: Der Mensch, in dessen Händen du die andere Hälfte antriffst, den nehme in dein Haus, denn er ist deiner Tochter bestimmt. Dann gibt Rabbi Mendel dem Fuhrmann ein Zeichen; am Wege hatte sich eine Feldschenke gezeigt, vor der nun der Lenker die Pferde zügelt. Leib Huß, dessen Reisewagen in einiger Entfernung folgt, wirft einen nachdenklichen Blick in die Richtung; die andern schauen gleichfalls dorthin, in der Meinung, er wolle den Abstand von diesem Gespann zu jenem schätzen. Der Mann jedoch denkt, wie soll ich den Menschen nur finden, und zögert mit dem Aussteigen. Inzwischen ist sein Wagen herangerollt und neben der Kalesche des Wiznitzers zum Stehen gekommen. In der Schenke haben die Leute — meist über Land fahrende Juden — die Namen der Ankömmlinge erraten und hasten, ihren Schnaps in einem Zuge zum Mund reißend oder noch das Glas in Händen, hinaus, um die berühmten Gäste zu bestaunen. Ihnen Willkomm dagegen zu geben, schien schon schwieriger, da keiner von den Männern Anstalten traf, abzusteigen oder auch nur den Schankwirt, der drei Schritt entfernt auf ihren Einzug in die Herberge lauerte, heranzuwinken. Im Wagen des Rabbis hatte sich folgendes zugetragen: seine durch die vorangegangenen Reden verwirrten und geängstigten Begleiter waren, da das Gehörte sie auf keinen vernünftigen Schluß stieß, entgegen aller Ordnung darauf verfallen, den Rabbi noch einmal zu bedrängen — diesmal heftiger und bitterer. Auch Leib Huß vergißt seine Sorge und ist mit den andern nur eines Auges und eines Ohres für das, was der Rabbi ihnen kündet. Sie hören: Der Mensch, der nicht strebt, gleicht einem Baum ohne Blüte. Doch noch dem am prächtigsten grünenden Holz steckt in der Wurzel der Wurm und in. der Krone nicht anders. Und wenn du, spricht der Rabbi mit einem Blick auf den Waldhändler, nach deinem Verdienst jagst, und ihr, zu den andern drei Judengesichtern gewandt, nach der Tora, so fegt auch hierüber ein Strich Fäulnis, wenn ihr nicht zugleich nach dem Moschiach strebt. Eines ist so einfach wie das andere: trotz des Wurmes wird das Grün des Baumes nicht blasser, der Schatten nicht schmaler — es. ist ein vollkommener Baum! Er blüht in jedem 69

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