Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Die Verlobung
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Moritz Kaswan Auch in der Jagd nach der Tora, wiederholt der Rabbi und führt, ohne auf die verwirrten Mienen seiner Leute zu achten, den Satz zu Ende: allein wer zugleich auf der Jagd nach dem Moschiach ist, der kostet alle Dinge ohne Fehl! Die vier Juden starren verständnislos einer in des andern Augen, fürchten sich plötzlich davor, dem Blick des Rebben zu begegnen. Ihre Augen scheinen noch immer zu fragen: Wann kommt Moschiach? Wann endlich? Wir wissen wohl um ihn, aber wir sehen ihn nicht. Ach, sähen wir seine Gestalt nur! Der Rabbi aber spricht: Auch das ist falsch. Wie viele von uns sehen die Tora und wissen nichts von ihr. Der Erlöser naht nicht im Sturm und mit Drommetenschall. Leise geschieht seine Ankunft. Erst zu dir, dann zu mir und so fort zu jedem. So leise kommt er wie die Wahrheit. Von ihr sagt der Baalschemtow, sie liege auf der Straße, aber es wolle niemand sich nach ihr bücken. Juden, ruft plötzlich der Rabbi und hebt die Hände wie nach einer vorbeiziehenden Tora, laßt uns die Wartezeit beenden und die Ankunft des Erlösers verkünden! Dann holt er Atem und schließt mit geringerem Stimmaufwand: Ich meine, wir sollten auf die Jagd gehen nach unserem Gesicht, nach unserer Seele, damit wir uns wieder des Moschiachantlitzes entsinnen. Seine Zuhörer, die wenig von dem begreifen, was da geredet wird, müssen, da sie sich in dem knappen Wageninnern nicht zu sprechen getrauen, auf jede andere Äußerung ihrer Unzufriedenheit verzichten, weshalb ihnen die Unruhe von den Stirnen zu lesen ist wie ein Fiebermal. Schließlich wagt einer von den vieren ein Wort und sagt, indes die übrigen Luft holen wie nach einer, gefährlich umschwommenen Tiefe: Rabbi, ich strebe nach der Tora, Ihr aber sprächet, auch in der Jagd nach der Tora stecke ein Sündhaftes. Die Widerrede stützt den Mut der andern, sie sagen: Wir alle streben nach der Tora. Wie kann das falsch sein? Wenn wir mit jedem Fingerzug sündigen, so ist es besser, die Hände im Schöße ruhen zu lassen. Der Wiznitzer nickt zu ihrer Rede wie zu einem trefflichen Bibelvers. Schon will ihm die Entgegnung von der Zunge, da besinnt er sich, versenkt seine Hand in die linke Futtertasche des Zobels, greift daraus seine Schnupfdose und winkt, indem er das Silber aufspringen läßt, Leib Huß mit den Worten heran: Genug des Geleits. Nun ist Zeit zum Umkehren. — Der Waldhändler hatte infolge des Gespräches seiner Sachs nicht mehr gedacht. Jetzt saust ihm das aus dem Sinn Verlorene mit doppeltem Anker ins Herz. Rabbi Mendel hebt aus der silbernen Schachtel eine silberne Münze. Sonst ist nichts darinnen. 68