Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Die Verlobung
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Moritz Kasvcan: Die Verlobung Sommer wie am ersten Tag und wird nicht anders blühen, wenn Moschiach die Erde betritt. Er wartet nicht auf den Erlöser. Mit starr nach oben gewandten Ästen strebt er nach der Blüte, und kommt der Sommer, die Mittagshöhe, dann blüht er und blüht. Ihr Juden aber werdet geboren und sterbt. Dazwischen liegt eine stolze Lebenszeit. Was habt ihr mit ihr zu schaffen, da ihr doch auf den Moschiach wartet und die Wartezeit ausfüllt mit der Jagd nach dem Verdienst, nach der Ehe, nach guten Werken, nach der Tora? Merkt ihr Juden doch nicht einmal am Ende eurer Tage, daß der Erlöser in der Mittagshöhe hinter euch geschritten ist — ihr brauchtet euch nur umzudrehen. Als Leib Huß in seinen Wagen steigt, spürt er in der Rechten einen leisen Krampf, und wie er den Arm hebt und die zur Faust geschlossenen Finger öffnet, dabei voller rätselhaften Verwunderung, was es da so starr zu halten gebe, siehe, da liegt, woran er schon vergessen, die zerstückte Münze in seiner Hand wie ein lebendiges Herz in Wärme und Unruhe. Die scheidende Märzsonne fällt darauf, und das Silber saugt den rötlichen Glanz ein. Eine graue Sorge springt plötzlich in das rollende Gefährt des Waldhändlers; auf seiner Hand glitzert ein roter Tropfen Blutes. Und wie er es erschrocken an seine Augen heben will, spurt er, daß es schwer wiegt, unhebbar schwer wiegt wie ein Menschenschicksal. Da schließt er die Hand wieder und denkt: Welches Schicksal? Und während eine weitere Strecke Landes hinter ihm geblieben ist, und der Weg über dunkelnde, unbestellte Felder führt: Wie lange wird es währen? Es währte über hundert Jahre, bis das Gesicht des Rabbis sich erfüllte. Damals dünkte Leib Huß das Warten zu lange, und schließlich vergaß er auch die Münze und die Worte, mit denen der Wiznitzer sie ihm gegeben hatte. Er wählte nach dem Wunsche seiner Frau einen jungen, schriftkundigen Bachur aus Brody und gab ihm seine Tochter Babuschka zur Frau. Von dieser Hochzeit sprach man in Lemberg noch Jahre danach: sie wurde mit Pomp und Glanz gefeiert. — In einer großen Stadt unserer Tage begegnete die Enkelin aus dieser Ehe einem jungen Juden, und es begab sich, daß neben allem Schönen, das zutage trat, auch zwei seltsame Münzhälften bei den beiden entdeckt wurden, die sich auf das Wundersamste zu einem Ganzen zusammenfügen ließen. Es waren die Scherben eines alten russischen Fünfzigkopekenstückes. Und sie waren noch so blank und leuchtend wie an jenem Tag, als Leib Huß mit einer von ihnen, schicksalbeladen und voller Rätsel, über das abendliche Frühjahrsland fuhr. 70