Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Die Verlobung
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Verlobung Leib Huß, des ziellosen Geredes schließlich überdrüssig, erwägt, ob er nicht doch umkehren sollte, um nach eigener Vernunft zu handeln. Und wie er aus seiner Ecke zu dem schlummernden Rabbi hinüberlugt, bereit, seine Absicht laut zu vermelden, bemerkt er mit einigem Unbehagen die Augen des Meisters wach auf sich gerichtet. Doch bevor ihm der Augenblick — er weiß selbst nicht, ob zu gerechter oder ungerechter Rede — die Worte eingibt, spricht der Rabbi leicht aufseufzend: Es läßt dir keine Ruhe — es läßt auch mir keine Ruhe. . Fahre noch ein Stück mit. Und während die andern drei Wageninsassen vor Verwunderung den Atem anhalten, will es dem Waldhändler scheinen, als holpere das Gefährt schneller über die lehmige, schründige Straße, als habe vorn auf dem Bock ein festerer Arm die Zügel ergriffen. Der Rabbi aber lehnt wie vordem mit entrücktem Gesicht in seinem Polster. Es ist nach der Umklammerung des Winters. Eben lockt der Geruch des Lenzes die ersten Stengel und Gräser aus der Erde. Zag und noch recht mager beleben sie die Flächen wie furchtsame, verhungerte Wesen. Das Gespinst der Bäume fleht noch in starrer Verzauberung zum Himmel, doch die Luft saust schon hindurch, als habe sie grünes Laub zu schütteln, und der Mensch kostet ihren Hauch inniger und sehnsüchtiger als verschlossenen Wein. Der Blick des Rabbis ruht auf der Landschaft, und mit hellerer Stimme läßt er unverhofft seine Reisegenossen vernehmen, soviel sei sicher, Gott habe die Welt nicht zur Winterszeit, auch nicht im Lenzhauch erschaffen, sondern die Schöpfung sei von Anfang an in sommerlicher Blüte gestanden. Erst der Irrgang des Menschenpaares änderte den Flammenkegel des Weltlichts. Fortan bestanden vier Höhen, und die Wärme des Lichts wechselte mit den Jahreszeiten. Das sei eines der Zeichen für den Moschiach: sein Kommen müsse in den Sommer fallen, wenn die Schöpfung ihrem ersten Tag am nächsten stehe. Der Wiznitzer hebt für ein paar Sekunden seine Rechte vor die Augen, weist auf die keimende Landschaft hinaus und sagt: Nach allen Dingen jagt der Mensch, der Händler nach Verdienst, der Weise nach der Weisheit letztem Schluß, der Jäger nach dem Wild, der Söldner nach dem Kriege und der Leichtfertige nach den Frauen. Mit gesenkter Stimme fügt er hinzu: Der gute Geber nach Gelegenheiten zum Wohltun. Mit stärkerer Betonung fährt er dann fort: Und in allen Dingen, nach denen der Mensch auf Jagd ist, steckt eine Scheibe von dem unheilvollen Apfel. Auch in der Jagd nach der Tora? 67