Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Die Verlobung
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Moritz Kaswan für die Hufe geschenkt wird. Während den Wiznitzer ein tausendstimmiger Ruf in die Polster seines Wagens geleitet, müssen sich Leib Huß und die andern Begleiter sputen, um in seine Nähe zu gelangen. Die eben vernommene Deutung hatte alle, die sie hörten, so erreicht, daß sie dem Sprecher nachstarrten wie einer Sinnestäuschung. Dann aber riß sich die jähe Frage von ihren Lippen: Wenn nicht warten — was sonst? Doch die Männer kommen zu keinem Schluß. Die freudehegenden Chassidim haben dem Rabbi die Pferde ausgespannt und stoßen sich fast um den Vorzug, die Kalesche aus der Stadt ziehen zu dürfen. Die Begleiter lassen im Gedränge alle furchtsamen Vermutungen fahren und fallen mit ihren Stimmen in den Wirrwarr der übrigen ein. Der Zug, der die Straßen öde zurückläßt, nähert sich dem freien Feld, als ein Satz die Reihen durchflitzt: Der Rabbi steigt aus dem Wagen. Man reckt die Hälse und gewahrt, der Wiznitzer steht in seinem Gefährt und im nächsten Moment auf der Erde. Man reckt die Hälse noch höher und sieht, der Rabbi wandelt unter seinen Freunden, und die Chassidim ziehen den leeren Wagen. Auf der breiten Menschenwoge erscheint sein Haupt wie jedes andere. Und ebenso schnell wie das Auge dahinzielt, erfährt auch der letzte Jude das Ereignis: da die Nächststehenden den Zaddik mit der Frage bestürmten, weshalb er seinen Sitz verlassen habe, hätte er mit halb erhobenen Armen gleich, als wollte er die Menge segnen, ausgerufen: Lasset mich teilhaben an eurem Geleit. Bin ich denn schlechter als ihr, daß ihr mich von solch gelungenem Werke ausschließen möchtet? So schreitet der Rabbi unter den Tausenden, selbst ein fröhlicher Chassid, und macht erst da halt, wo die offne Straße nach Wiznitz beginnt. Hier spannt man vor seinen Wagen wieder die vier Pferde, und die Menschenwoge flutet zurück nach Orodez. Hier steigt auch der reiche Waldhändler zu Rabbi Mendel ein, entschlossen, nicht eher umzukehren, als bis ihn dieser mit klarem Bescheid entlasse. Der Wagen rollt ein gut Stück Weges, ohne daß sich eine Gelegenheit zeigen will, das Gespräch dahin zu bringen, wohin es Leib Huß führen will. Der Wiznitzer, noch beeindruckt von dem wunderlichen Moment des Geleites, auch müde von der zu Fuß durchwanderten Strecke, lehnt wie ein Schlummernder in seinem Polster, während die vier mitfahrenden Chassidim die Köpfe zusammenstecken und flüsternd auf dieses oder jenes Geheimnis verfallen, das in seinem Ausspruch verborgen sein könnte. 66