Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Die Verlobung
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 65 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Moritz Kaswan: Die Verlobung (saiiuß) Bevor der Wiznitzer Orodez verließ, umstanden ihn noch einmal die ersten Männer des Städtchens und warteten. Worauf war ihnen selbst ungewiß. Sie umstanden den Zaddik wie treue Wächter, und wer ihrer Herzen kundig war, verstand, daß sie frohe Botschaft hören wollten. Der sah, daß sie die Handöffnung schlössen, als müßten sie darinnen eine offne Flamme unversehrt heimtragen. Stärker als die andern hoffte Leib Huß auf ein Wort. Die Tochter, die ihm aufwuchs, das sah jedermann, gewann von Tag zu Tag an bräutlicher Vollendung. Mit der Stunde, wo Frau Salea seine Augen auf die spielende Babuschka gelenkt hatte, und er wie sie erspähten, daß ihre Mädchenbrust sich unter dem engen Tagkleid rundete, — mit der Stunde schob sich in die Pläne des reichen Waldhändlers ein neues Blatt, auf dem Name und Ruhm seines Eidams stehen sollte. Seine Wahl traf auf Wolf Fischl, den Meisterschüler der Wiznitzer Jeschiwa. Zog er diesen in sein Haus, nahm auch die Tora bei ihm Wohnung, und der, welcher Gold in den Truhen besitzt und Wälder und Berge, trachtet zum Schluß auch nach diesem Schatz. Das Haupt der Jeschiwa aber, Rabbi Mendel, hatte den Waldhändler heimgeschickt mit der Vertröstung, die Sache seine Sorge sein zu lassen. Sechs Monate waren seit dieser Zusage vergangen, und es verstimmte den reichen Chassid sehr, daß sein Rabbi weder in Lemberg noch in Orodez die Rede darauf gebracht hatte. Während Leib Huß über die Unterlassung des Wiznitzers nachsinnt, hat dieser sich zum Abschied gerüstet und ruft mit einem raschen Aufleuchten seiner Augen den Lauschenden zu: Juden, wißt ihr, weshalb Moschiach nicht kommen kann? Weshalb nicht? Weshalb nicht längst Moschiachs Zeiten, Rebbe? schwirrt es da wie ein Ruf von den Lippen der Chassidim, und sie umringen den Wiznitzer, als müsse sein Wesen ihnen Bürge sein für das Kommen des Erlösers. Da bahnt sich der Rabbi sacht einen Weg zur Tür und erwidert an der Schwelle mit einem kaum merklichen Lächeln: Darum kommt er nicht, Juden, weil ihr nur auf ihn wartet. Immer nur auf ihn wartet, und nichts weiter. — Drunten rücken die harrenden Getreuen, eine Volksmenge von über tausend Seelen, dem abfahrtbereiten Viergespann so hart an die Räder, daß den vier Pferdeleibern kaum der Fleck 65