Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Laut und Wort
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 61 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Laut und Wort sehen wie auch im Rechtssinne, z. B. als Inbegriff der vollen Bürgerrechte eines Römers; zweitens ist es Einsicht, Verstand, und drittens alles Wichtigste: die Hauptperson, der Leiter, die Hauptsache, bei Schriften und Gesetzen jeder Hauptabschnitt (Kapitel, Paragraph), bei Geld die Hauptsumme (Kapital). Das Lexikon preßt die Entwicklung in willkürliche Begriffe. Angenommen, die Bezeichnung des Körperteils sei die erste, „eigentliche" Bedeutung von caput, so erscheint die Anwendung auf Lebloses, aber auch die Vertauschung von Teil und Ganzem, „uneigentlich", „übertragen" wie die übrigen Bedeutungen. Und jede solche Anwendung des Wortes caput ist auch nur eine „bildliche": da werden noch unbenannte oder für den Einzelfall nicht treffend genug benannte Dinge gekennzeichnet durch die Heranziehung der Bildvorstellung caput — wegen einer oft nur entfernten Ähnlichkeit (Gipfel, Quell), oder weil dies Bild sich vor ein andres schiebt (beim Zählen einer Menge sieht man nur die Köpfe), schließlich weil sich dies Bild von selbst für Körperlose bietet (Sitz einer Eigenschaft), und so fort. Das Bild wird mit der Benennung übertragen, das Neue bildlich so genannt. Das kann sich, sogar vielfach, wiederholen: erst wird das Bild des Kopfes, caput, auf den Quell als den Kopf des Flusses übertragen, dann das Bild des Quells als eines Ursprungs mit dem Namen caput auf einen geistigen Beginn. Alle Sprachentwicklung vollzieht sich, abgesehen von Zusammensetzungen, nur durch Bildübertragung. Unaufhörlich wenden wir neben den bewußt gebrauchten unbewußte Bilder an. Bewährt sich aber grade im bewußten Bild die Sprache als persönliche Schöpfung, so bereichert ein Bild die allgemeine Sprache erst, wenn es verblaßt, verlischt, als Bild kaum noch empfunden wird: es hat sich gefestigt und abgelöst, das heißt, die Anwendung des Bildes ist mehr oder minder allgemein geworden, dabei wird sie zum bloßen Abklatsch, das Bild wird schließlich nur noch als ein Sigel gebraucht, als Type (wie auch in den Schriften Bilder zu Buchstaben wurden). So sinkt die Metapher im Satz zur Redewendung, zur Phrase herab: „er ist nicht auf den Kopf gefallen", „schlag es dir aus dem Kopf". So wird auch beim Wort allein, aus dem vielleicht einmal recht kühnen Bild (Häupter der Verschwörung, Kopf einer .Note) allmählich die fixierte und verselbständigte neue Wortbedeutung. Derselbe Prozeß läßt sich grundsätzlich auch für die Entstehung des ursprünglichen Wortes nachweisen. Zu ihm zurück führen, von der letzten uns bekannten Grundbedeutung eines Wortes, wieder Bildübertragungen. So muß sich rückwärts der Entwicklungsweg fortsetzen, der vorwärts zwar nicht immer gradlinig verläuft, im Ganzen aber doch von der Einfalt zur Vielfalt, vom Niederen zum Höheren, vom Sinnen- 61