Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Laut und Wort
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 60 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Hugo Striemer Sinne). Diese Wesenseinheit wird meist verkannt, besonders wo Sprachgrenzen sich einschieben, eher bleibt sie uns bewußt bei nur mundartlichen Verschiedenheiten, so bei der Lautverschiebung von breken (niederdeutsch) zu brechen (hochdeutsch). Aber auch Sprachen sind in einem höheren Sinne nur Mundarten. Die bisher erforschten Lautverschiebungen, gleichartige Veränderungen mehrerer verwandter Laute in bestimmten sprachgeschichtlichen Zeitpunkten, sind nur ein paar Strömungen in dem scheinbar grenzenlosen Ozean des Lautwandels. Wenn alle Laute sich mit der Zeit beliebig verwandelt haben könnten, so wäre es hoffnungslos, bei einem Wort nach der Urbedeutung seiner Urform zu fragen. Zum Glück aber vollzieht sich jeder Lautwandel in den engeren oder weiteren Grenzen einer lautlichen Verwandtschaft, wenn auch bald in dieser, bald in jener Richtung. Wie ein Mensch sein Gesicht verändert und doch sein Gesicht behält, so wechseln die Wortformen und bewahren verborgen doch die Urform. Ähnlich steht es mit der Urbedeutung. Um ein Wort bedeutungsmäßig rückwärts zu verfolgen, muß man zunächst den Punkt einnehmen, von dem aus sich sein voller und genauer Sinn, die Einheit seiner gegenwärtigen Bedeutungen erschließt: man muß eine Grundbedeutung finden. Jede Grundbedeutung aber ist relativ, weiter ableitbar, bis zurück zur Wortentstehung. Von ihr aus, von der Urbedeutung aus, muß die Entwicklung sich nach demselben Prinzip vollzogen haben, wie weiterhin vor unseren Augen. Dies einheitliche Prinzip der Bedeutungsentwicklung beschreibt auch schon Fritz Mauthner und benennt es „Metapher" (Übertragung), er sieht es gleichzeitig als das Prinzip der Wortentstehung an. Zur Anschauung diene das lateinische Wort caput Kopf, Haupt (C und H sind hier Gaumenlaute wie K; vgl. Horn, lateinisch cornu, hebräisch keren); die Fortentwicklung in modernen Sprachen, auch in Fremdwörtern wie Kapital, Kapitel, Kapitäl, Kapitale, Kapitän, lassen wir beiseite. Das gute Schulwörterbuch trennt „eigentliche" Bedeutungen von caput in Anwendung auf lebende Wesen und leblose Dinge von „übertragenen" Bedeutungen. Dort wieder sondert es den im engeren Sinne „eigentlichen" Wortgebrauch, als Körperteil, von der „Metonymie" (Namensvertauschung), die soviel wie Person (Mensen) oder Stück (Vieh) meint. Bei leblosen Dingen kann caput Spitze, Kuppe, Oberstes, Äußerstes bedeuten, so bei Gewässern manchmal Mündung, öfter Quelle — was wieder zu einem „bildlichen" Gebrauch im Sinne von Ursprung führt. All das soll noch „eigentliche" Bedeutung sein; eine „übertragene" soll in dreifacher Blickrichtung liegen: Kopf als Sitz des Lebens, des Verstandes und als Überragendes. So ist caput Leben, im physi- 60