Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Laut und Wort
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 62 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Hugo Striemer: Laut und Wort haften zum Vergeistigten führt. Nehmen wir als Beispiel wieder caput, Haupt, so läßt sich begründen, daß die Bezeichnung des ganzen Kopfes übernommen ist von der des Hinterkopfs (auch „Kopf" bedeutete noch mittelhochdeutsch Hirnschale, daneben Trinkgefäß), und daß ursprünglich die Form der Schale, die gewölbte Form, den Namen gegeben hat; denn diese Form drückt sich besonders häufig in dem Gefüge K—P, das heißt: Gaumen-Lippenlaut aus. Wir finden dieses Gefüge bei einem Grundwort wie capere fassen wieder, und begegnen ihm in unübersehbar häufiger Wiederholung bei den Bezeichnungen von Dingen mit gewölbter, runder, gekrümmter Form (vom hebräischen kaph hohle Hand, dann Löffel, bis zum englischen cup Schale, Tasse). Nach Bros ers Lehre von den Lautelementen und Lautverbindungen sind wir hier bereits zu einer Urbedeutung des Gefüges K—P gelangt, die sich unmittelbar aus den reinen Bedeutungen des K-Lauts und des P-Lauts herleitet. Aber wie kann überhaupt ursprünglich ein Wort entstanden sein? Wie kann es über den nur subjektiven Ausdruck der Empfindung, über den bloßen Ausruf hinaus zu einem objektiven Verständigungsmittel geworden sein? Ist, nach Mauthners Vermutung, schon das ursprüngliche Wort eine Metapher, das ungefähre Abbild eines Urbilds, so kann das Urbild nur ein sinnlich wahrgenommener Vorgang sein; seine lautliche Entsprechung, seine Wiedergabe durch die Stimmwerkzeuge wird zum Wort. Hier, und unabhängig davon auch bei Broser, erweist sich die alte Lehre von der sogenannten lautlichen Nachahmung (Onomatopöie) in einer neuen Wendung und Ausweitung als Wahrheit. Das ursprüngliche Wort, diese vollkommene Einheit von Laut und Bedeutung, ist freilich nicht, wie man sagt, „Nachahmung eines Schalls". Es entsteht nicht durch einen Willensakt, sondern beruht auf einer unwillkürlichen, naturgemäßen Reaktion auf einen Reiz. Was es wiedergibt, sind keineswegs nur Gehörwahrnehmungen, sondern neben Empfindungen Sinneseindrücke jeder Art, vorzugsweise auch solche des Gesichts. Wie es sie wiedergibt, ist durch das Material, durch die seelisch-körperlichen Gegebenheiten bedingt. Nicht einmal akustische Eindrücke werden einfach naturalistisch wiederholt; sie werden wie alle anderen umgeformt, man könnte sagen: umstilisiert. Ein Sinnenbild entsteht, das sich allmählich durch ständige Wiederholung von Reiz und Wirkung festigt und endlich als Sinnbild (Symbol), Sigel, Type, Münze ablöst, als Verkehrswort, das andere verstehen, weil sie auf die gleichen Eindrücke naturgemäß in gleicher Weise reagieren. In der Erkenntnis dieses Vorganges liegt der Zugang zu Brosers Lehren. Ein zweiter Aufsatz im nächsten Heft wird sie im Zusammenhang darstellen. 62