Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Laut und Wort
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 59 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2895450-2895580-2895582-2908179--10579-2908223- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Laut und Wort Stammkonsonant, das Nun (N) eigentlich ein Abieiter ist, mit wortbildender Funktion, ähnlich der deutschen Vorsilbe „hin", der ebenfalls das N wesentlich ist. So ist näfol nicht eigentlich nur fallen, sondern genau genommen hin-fallen, näton ist hin-tun, es wird weiterhin erst geben und schenken. Ähnlich wie mit dem Nun verhält es sich mit einer Reihe anderer Stammkonsonanten, an erster, zweiter oder dritter Stelle des Stammgefüges. Aus ihm entfernt, lassen sie einen zweikonsonantigen Wortkern zurück, ein Kerngefüge von ständig wiederkehrender Bedeutung; jeder dieser Konsonanten selbst hat eine wiederkehrende Bedeutung, und er bereichert so auf gleiche Weise die Bedeutung jedes Wortkerns, zu dem er tritt. Das sind aus der ganzen Lehre nur beispielhaft herausgelöste Einzelentdeckungen Brosers. Wie er hier nur einen einzelnen Konsonanten herauslöst und in seiner Bedeutung bestimmt, so geht er weiter, löst alle Stammgefüge, alle Kerngefüge auf in einzelne Laute und bestimmt sie bedeutungsmäßig; er studiert, wie diese Laute sich wiederum zusammenfügen zu Wortkernen, Stämmen, Wörtern. Die hebräische Sprache, durchsichtig, logisch, gleichsam dem Ursprung noch am nächsten, ergibt ihm für seine Analyse ein ausgezeichnetes Beweismaterial. Zurück zum Ursprung Die Sprache, die uns angeht, ist ein Organismus. Das Wort ist zugleich Organ und Einzelwesen. Es ist seiner Form nach eine geschlossene Laut- und Buchstabenfolge, seinem Wesen nach eine Bedeutungseinheit. Die gleiche Wortform kann mehrere Wortwesen enthalten. Dazu genügt nicht, daß sie Verschiedenes bedeutet, denn eine Wortform hat in der Regel mehrere Bedeutungen; nur wenn zwischen den verschiedenen Bedeutungen kein Zusammenhang besteht, ist von mehreren Wortwesen zu sprechen. Aus dem Englischen, das zum Abschliff der Wortformen neigt und sie damit oft einander angleicht, folge ein Beispiel. „Case" heißt Fall und Fach. In der Bedeutung Fall entstammt es dem lateinischen Hauptwort casus, von caedere fällen (C—S, C—D). In der Bedeutung Fach kommt es, wie Kapsel, von dem lateinischen Hauptwort capsa, von capere fassen (C—P); diesem Grunde entstammen weitere Bedeutungen wie eben Kapsel, Futteral, Etui, Schachtel, Scheide, überhaupt Behältnis, oder verbale wie (darin) einstecken, (damit) umkleiden. Die Wortform case enthält somit zwei, und nur zwei verschiedene Wortwesen. Ein Wortwesen kann die Wortform wechseln, wir sahen die Veränderung soeben bei zwei Wortindividuen. Sie bleiben wesensmäßig erhalten, auch wo ihr Sinn sich wandelt, weitet, einengt usw. (casus ist Fall in jedem, case nur noch im unkörperlichen 59