Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Laut und Wort
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 58 (sequence 4)
- Language
- German
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Hugo Striemer ein sie umfassender Begriff des Herrschens; schelten ist auch etwa gleich anherrschen. Man denke sich den ursprünglichen Herrscher, den Schaltenden und Scheltenden, gebietend die Arme oder gar die Waffen schüttelnd (SCH—T—1) und mit seiner Stimme gewaltig die Luft erschütternd (SCH—T—r). Ein solches Bild etwa mag dem Begriff zugrunde liegen. Dafür spricht die Verwandtschaft der Stammgefüge, dafür spricht ferner, daß sich in das Stammgefüge SCH—L—T, außer schalten und schelten auch Wörter einordnen wie schlottern und schlittern, die noch eindeutig eine ähnliche Bewegungsvorstellung enthalten. Die Gemeinsamkeit des Stammgefüges läßt auch bei Wörtern in den sogenannten stammvokalischen Sprachen vermuten, daß diese Wörter stammverwandt sind, daß sie eine gemeinsame Wurzel haben. Diese Sprachen, nicht etwa nur die Menschen, die sie sprechen, sondern die Sprachen selbst in ihrer Fortentwicklung, haben vergessen, daß die Vokale zwischen ihren Stammkonsonanten ursprünglich nur Abieiter waren, dazu bestimmt, den einheitlichen Begriff, den das Stammgefüge trägt, abzuwandeln. Noch lebt das Bewußtsein davon, daß Wortpaare wie sitzen—setzen, springen—sprengen, zwingen—zwängen, trinken— tränken, saugen—säugen, biegen—beugen im Grunde nur ein Wort in verschiedenen Beugungsformen sind. Ähnliches gilt von den Intensivbildungen: ziehen—zücken, schmiegen—schmücken, schleißen—schlitzen, — nur blitzt hier noch eine weitere Erkenntnis auf, daß nämlich nicht nur die Stammvokale sich verändern können, sondern in gewissen Grenzen auch die Stammkonsonanten (hier werden h und g zu ck, sz zu tz etc.). Wenn aber saugen und säugen im Grunde nur ein Wort sind, so darf die Frage aufgeworfen werden, ob nicht alle Wörter mit dem Stammgefüge S—G: saugen, säugen, sagen, sägen, siegen, segnen (Segen), letztlich nur ein Wort, d. h. bedeutungsmäßig auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind, oder alle Wörter mit dem Stammgefüge L—B: leben, Leib, laben, lieben, loben, Laub. Die bisherige Etymologie sagt nein, aber sie dringt nicht tief genug, wie der Leser bald einsehen wird. Ebenso wie der Stammvokal kann auch ein Konsonant des Stammgefüges ursprünglich ein Abieiter gewesen sein, und die Sprache selbst hat es in ihrer Fortentwicklung vergessen. Beispiele hierfür bietet die hebräische Sprache. Ihre Verben haben ein Stammgefüge aus drei Konsonanten, vielfach aber erweist sich ein Konsonant als nicht zum Kern des Wortes gehörig, so das Nun (N) als erster Stammkonsonant in Verben wie näfol fallen, näton geben und zahlreichen andern. Hier ist nicht erst das Stammgefüge (N—F—L), sondern schon ein Gefüge aus zwei Konsonanten, das wir „Kerngefüge" nennen wollen (F—L), Bedeutungsträger, und es zeigt sich, daß der erste 58