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Der Morgen · 1938-05-01 · Heft 2 (Mai 1938) · p. 57

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 2 (Mai 1938)
Article
Laut und Wort
Date
1938-05-01
Page
57 (sequence 3)
Language
German
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Laut und Wort Gewinn, Erwerb), ist im Wesen eins, mag der Grammatiker auch gewisse Ableitungen unter ein Wort rechnen, andre als neue Wörter ansehen. Eine wesensmäßige Betrachtung unterscheidet überall nur zwischen Stamm und Abieitern. Der Stamm stellt sich nicht in voller Eindeutigkeit dar wie ein Wort, sondern muß erst durch Denken ermittelt werden. Wortstamm ist was übrig bleibt, wenn man alle etwaigen Abieiter von einem Wort löst; fraglich kann nur sein, wieweit man es mit Abieitern zu tun hat. Hier ist z. B. eine Unterscheidung zwischen semitischen und indo-europäischen Sprachen üblich: in semitischen Sprachen rechnet man Vokale zwischen den Stammkonsonanten zu den Ableitern, in europäischen häufig als sogenannte „Stammvokale" zum Wortstamm. Die Unterscheidung für die beiden Sprachfamilien hängt damit zusammen, daß die Wortbeugung und abgeleitete Wortbildung in den semitischen Sprachen überwiegend durch Vokalveränderungen, in den indo-europäischen Sprachen zwar zum Teil auch durch Vokaländerungen (auf starke Weise), überwiegend aber durch Zusätze — beigefügte Laute, Silben, Worte (auf schwache Weise) — sich vollzieht. So stellt im Hebräischen das Konsonantengefüge SCH—L—T schon für sich allein einen Wortstamm, Träger einer Wortbedeutung dar, — den des Herrschens, Waltens, Schaltens — die durch Vokale ebenso wie durch hinzugesetzte Abieiter nur noch schattiert wird (z. B. schälot herrschen, scholet herrschend, schilton Herrschaft, schultän Herrscher, Sultan und so fort). Dagegen gilt im Deutschen das entsprechende Gefüge sch—1—t nicht als Wortstamm, nicht als Bedeutungsträger, erst mit SCHALT als Stamm von schalten und SCH ELT als Stamm von schelten verknüpft man Wortbedeutungen. Dabei bewahrt nur SCHALT den Stammvokal (a) durchgängig, während SCH ELT den seinen (e) in i (schilt), in o (gescholten), ja auch seinerseits in a (schalt) verwandeln kann. Vokale zwischen den Stammkonsonanten haben, wie schon angedeutet, im Hebräischen stets, in den europäischen Sprachen nur zuweilen das Wesen von Abieitern; deshalb hat man sie bisher hier, aber nicht dort, zum Wortstamm gerechnet. Trotz dieser bisher gewohnten Unterschiedlichkeit ist eine einheitliche Begriffsbildung für alle Sprachen nicht nur möglich, sondern durchaus gerechtfertigt. Wir finden sie im (konsonantischen) „Stammgef üge", das sowohl für die semitischen wie für die indo-europäischen Sprachen Gültigkeit hat. Wir sind sogar geneigt, in diesem Stammgefüge bereits durchweg den Träger einer Bedeutung zu sehen, wenn auch nicht notwendig schon den Träger der Wort bedeutung, so doch einer allgemeineren Bedeutung, der sich die Wortbedeutung unterordnet. So wölbt sich z. B. über die Begriffe des Schaltens und Scheltens 57

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