Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Laut und Wort
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 56 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2895450-2895580-2895582-2908179--10576-2908220- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hugo Slriemer der Physiologie die Methode gefunden hat, unmittelbar vom einzelnen Wort aus, in jeder uns bekannten Lautsprache, dessen Urbedeutung zu erschließen. Die Handhabung des Schlüssels, mit dessen feinerer und feinster Ausarbeitung er nach jahrzehntelangen Vorarbeiten noch beschäftigt ist, kann naturgemäß nicht leicht sein; sie setzt Kenntnisse und Erfahrungen voraus, die man sich nur allmählich erwerben kann. Auch das Verständnis für diese Lehre von der Bedeutung der Laute kann sich dem Schüler nur nach und nach eröffnen. Ihre Tragweite ist aber so groß, daß der Versuch gewagt sei, sie für den Kreis der geistig Interessierten unter den deutschsprechenden Juden in gedrängter Kürze darzustellen, nur um einen ungefähren Überblick und erstmaligen Einblick in dieses neue Wissen zu gewähren. Bevor wir jedoch in die eigentliche Darstellung der Forschungsergebnisse eintreten, sei zunächst das Verständnis für sie vorbereitet, indem wir zunächst von den sprachlichen Bedeutungsträgern sowie von der Wortentwicklung und -entstehung im allgemeinen sprechen. Bedeutungsträger Das Wort gilt als einfachster sprachlicher Bedeutungsträger, doch es versteht sich, daß er nur der einfachste selbständige Bedeutungsträger ist. Die Wortbedeutung geht zurück auf die Bedeutung von Wortbestandteilen, jedenfalls beim organisch gewordenen (im Gegensatz zum willkürlich erfundenen) Wort. Das ist leicht einzusehen für unselbständige Bedeutungsträger höherer Ordnung: die eingefügten Wörter, Stämme und Abieiter. Aber auch deren Bedeutung geht noch weiter zurück auf die Bedeutung letzter, einfachster Bestandteile, lautlicher Elemente. Zweifellos ist die Bedeutung eines Wortes, das sich aus mehreren herauslösbaren Wörtern zusammensetzt, auf die Bedeutung dieser Einzelwörter zurückführbar; (Beispiel: lionlike löwengleich, auf lion Löwe und like gleich). Auch ein Bestandteil, der nicht — oder nicht mehr — als herauslösbares Wort vorkommt (freedom Freiheit) ist ein Bedeutungsträger. Solche Anhängsel, Vorsilben, Einschiebsel haben, auch wenn sie nicht mehr als Verkümmerungen ehemals selbständiger Wörter erkennbar sind, (wie die Nachsilbe lieh, deren einstige Bedeutung „Körper" noch in Leiche, gleich und dem englischen like steckt) haben wie selbständige Wörter eine wiederkehrende Bedeutung, nur eben nicht oder nicht mehr für sich allein, - sondern in bezug auf andre herrschende Wortteile, denen sie als Abieiter zugeordnet sind. Sie dienen der Wortbeugung (giving gebend) oder der Wortableitung (giver Geber); beides, oft ineinander übergehend (getting erlangend, aber auch 56