Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Wahrheit über Zion
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wahrheit über Zion Das Hauptziel der Ausführungen Maybaums ist, darzutun, daß auch Palästina Galut ist. Diese Behauptung ist aus dem Munde der Gegner des Zionismus bekannt. Sie würde nur dann zu Recht bestehen, wenn man in orthodoxer Gläubigkeit das Ende der Galut erst mit der Wiedererrichtung des Tempels ansetzen würde. Darum aber geht es Maybaum nicht. Er selbst benützt andere Kategorien der Beurteilung. „Auch in Palästina darf und kann jeder Schritt nur auf Grund der Voraussetzungen getan werden, die in irgendeinem Diaspora-Land für die Entfaltung jüdischen Lebens gelten." Ist das wahr? Stimmt das mit der Wirklichkeit überein? Man betrachte zunächst einmal die wirtschaftliche Lebenssphäre. Wir wissen aus einer Erfahrung von zwei Jahrtausenden, daß in der Diaspora für uns folgendes Gesetz gilt: Mehrung unserer wirtschaftlichen Kraft bewirkt zumeist wachsende Gefährdung unserer Position. In Palästina jedoch bewahrheitet sich, daß Mehrung unserer Wirtschaft Stärkung unserer Position bedeutet. Politisch gesprochen besagt dies: in der Diaspora leben wir auf Grund uns von anderen gegebener Rechte. Ein volles Ausnützen der uns durch diese Rechte gegebenen Möglichkeiten im Wirtschaftlichen, Gesellschaftlichen, Kulturellen stellt im Laufe längerer oder kürzerer Zeit diese Rechte selbst in Frage. In Palästina leben wir zwar tatsächlich auch auf Grund der uns von anderen garantierten Rechte. Dort aber trägt die Ausnützung der gegebenen Möglichkeiten dazu bei, diese Rechte zu stützen und zu unterbauen, aus garantierten Rechten echte Rechte zu machen. Ein seelisch-geistiges Grundprinzip ist es vor allem, das man, als Mindestvoraussetzung gleichsam, nicht übersehen darf: in der Diaspora lernen unsere Menschen immer wieder und immer mehr sich von den andern her begreifen. Drüben lernen sie sich von sich selbst her verstehen. Wie weit diese neue Haltung der Seele und des Geistes sich auf das gesamte kulturelle Sein unserer Menschen auswirkt, wie weit der neue Mensch schließlich eine neue Haltung zum Religiösen gewinnen kann, so daß es ihm nicht mehr allein das schützende, sondern das ihn aufrufende aktive Prinzip wird, — all das kann heute nur geahnt werden. Der Tatsache dieses Neuen und Andersartigen wird niemand sich verschließen können, der nur einmal staunenden Auges und dankbaren Herzens die Kinder des Landes in ihrer Freiheit und (inneren Gelöstheit sehen durfte. Darum darf, auch nach diesen wenigen Andeutungen, wohl in aller Deutlichkeit gesagt werden, daß die „Voraussetzungen für die Entfaltung des jüdischen Lebens" drüben sich von Grund auf von denen unterscheiden, die in irgendeinem anderen Lande angetroffen werden können. Das lehrt die Wirklichkeit, ob- 51