Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Wahrheit über Zion
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 49 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Lemle: Wahrheit über Zion Antwort an Ignaz Maybaum Es ist eine verdienstvolle Haltung, wachen Auges und einsichtigen Geistes auch von draußen das Leben in Palästina zu verfolgen. Seit Jahren bemüht Ignaz Maybaum sich in Büchern und Artikeln im Sinne einer solchen Haltung. Es gibt für sie eine Tradition, die so alt ist wie Israel selbst. Vor ihr wird sich darum jeder neue Versuch ausweisen, an ihr sich ausrichten müssen. Der Inhalt dessen, was man von draußen zum Geschehen im Lande sagen konnte, hat sich gewandelt. Was aber in allen Zeiten fest und unverändert blieb, war eine bestimmte innere Voraussetzung: über Erez Israel konnte nur der etwas aussagen oder gar richtend urteilen, der mit seiner Wirklichkeit eng verbunden war. Diese Verbundenheit spannt einen Bogen weit über die Jahrtausende. Vom Zweiten Jesaja, dem Zionsgläubigen in Babel-Persien, über die mittelalterlichen Denker und Halachisten, die Gottesstaats-Baumeister in Spanien und Polen bis zu Buber, dem Zion-Liebenden in unsern Tagen. Sie alle meinten mit Zion mehr als ein Stück Erde, sie alle aber banden ihr Herz eben an dieses Stück Erde, an eine Wirklichkeit. Maybaum setzte mit viel Recht und wortstarkem Interpretieren damit ein, daß er den Zionsgedanken aus dem Schutt des Vergrabenseins freilegte und ihn blankputzte als Spiegel gegen die selbstgefällige Gewohnheit des Alltages. Mit jenem wollte er zur Gola sprechen, mit diesem zu den Menschen im Lande. Seinem nunmehrigen Worte an Zion aber, beurteilt nach der neulichen Veröffentlichung in diesen Blättern*), fehlt die innere Verbundenheit mit der Wirklichkeit. So kommt es, daß man wiederholt den Eindruck nicht los wird, hier wird nicht schlecht geladen, aber falsch gezielt. Es ist durchaus möglich, von einem falschen, d. h. einseitigen Verstehen der Jesaja-Kapitel 40—55 auszugehen, wenn man die heutige tiefere Stellungnahme der Menschen zu Zion klarlegen will. Tatsächlich werden jene Kapitel der „Tröstung Israels" heute mitunter mißdeutet, allerdings in einer Maybaums Wahrnehmungen entgegengesetzten Richtung. In Gesprächen und Kursen zeigt sich immer wieder, daß auch heute noch der Großteil der Leser jene Kapitel so liest, wie sie das ausgehende neunzehnte Jahrhundert — und zwar nicht nur der Liberalismus — *) „Zionismus und Zionsliebe", im Märzheft des „Morgen". 49