Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1938-04-01 · Heft 1 (April 1938) · p. 33

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 1 (April 1938)
Article
Steinchen auf Grabmälern
Date
1938-04-01
Page
33 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895580-2895581-2908092--10529-2908153
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Steinchen auf Grabraälcm blühende Pflanze sieht, pflückt er sie und legt sie auf das Grab. In manchen Gegenden Deutschlands werden an bestimmten Tagen, im Klettgau z. B. an der „Jahrzit", zu Michaeli, allgemein die Gräber besucht, mit Weihwasser besprengt, oder Feuer werden angezündet. An Allerseelen zündet man bekanntlich an den Gräbern Lichter an, wie es auch an den Gräbern von „Zaddikim" im Orient und bei den Chassidim bei jedem Besuche und besonders an den Jahrzeiten geschieht. Diese und ähnliche Riten bezwecken zum Teil die Abwehr böser Geister, zum andern, wie ja aus Homer geläufig, die Ehrung, Ernährung, Belebung der Toten durch Blut und andere Opfergaben, deren seit dem frühesten Altertum mancherlei weit und breit den Toten dargebracht werden. Daß als solche, wie noch heute in Japan, auch Steine gelten, woran auch eine talmudische Legende erinnert, geht aus dem Verbot bei Burchard von Worms hervor, „des neuen Jahres wegen" Tische mit Steinen oder Speisen für die Abgeschiedenen zu bereiten. Da jeder literarische Anhalt und jede innere Wahrscheinlichkeit dafür fehlen, unsern Brauch, wie er von Juden geübt wird, aus einem dieser Riten herzuleiten, wollen wir im übrigen jüdischen Brauchtum einen Anknüpfungspunkt zu seinem Verständnis suchen. Auf eine solche Spur führt die seit dem 12. Jahrhundert auf jüdischen Grabsteinen gebräuchliche Formel: „Seine Seele sei gebunden an das Los (zeror) des Lebens." Es sind fast genau die Worte, die (1. Samuel 25, 29) Abigail zu David spricht: „Sollte jemand dir nach dem Leben trachten, so sei deine Seele (dein Leben) gebunden an den .Zeror des Lebens, bei dem Ewigen, deinem Gotte, aber die Seele deiner Feinde schleudere er fort!" Zeror ist „Kieselstein". Kieselsteine, ein schwarzer und ein weißer, wurden als die beiden Lose am Versöhnungstage (3. B. Mose 16, 8) gebraucht. Ähnlich also wie das griechische psefos, das überdies auch in den talmudischen Sprachgebrauch übernommen worden ist, und wie der weiße Stein, durch den die römischen Richter für Freisprechung stimmten (Ovid Met. 15, 41) und allerhand Liebesorakel und Spiele mit Steinen. Der „Kiesel des Lebens" steht also im Gegensatze zu dem des Todes, den Abigail Davids Feinden wünscht, wie am Versöhnungstag das Los für Gott zu des für Asasel. Ähnlich sprach man ja auch von einem „Stein der Hilfe Gottes", von einem „Baume des Lebens" usw. Ungezwungen ergibt sich hieraus für unseren Brauch der Sinn, daß der Besucher des Grabes durch das Niederlegen eines Kiesels oder, wo kein Kiesel zur Hand ist, eines andern Steinchens, symbolischen Ausdruck dem Wunsche verleiht, der auf dem Grabstein vor seinen Augen in Worten wiedergegeben ist: „Deine Seele sei gebunden an das Los des Lebens", d. h. 33

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.