Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Steinchen auf Grabmälern
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 32 (sequence 3)
- Language
- German
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Max Granwald aus der irrtümlichen Annahme, daß der Jude auf dem gleichen religiös-dogmatischen Boden' wie seine Ankläger stehe. So scheinen manche Christen zu glauben, daß auch die jüdischen Abgeschiedenen sich der „Donner-Keile" als Warfen bedienen. Dagegen spräche natürlich schon der äußere Umstand, daß hier die Steinchen nicht mit ins Grab gegeben, sondern auf den Grabstein gelegt werden. Könnten nicht aber die Steinchen der Abwehr böser Geister dienen, die man sich an Gräbern hausend dachte? Bei den Tartaren, bei südafrikanischen und andern Stämmen findet man Steinhaufen, an denen, wie es einst an den Meilensteinen der Römer Brauch war, niemand vorbeigeht, ohne einen Stein hinzu zu werfen. Aus der Bibel und bei den Arabern sind solche Steinhaufen als Schanddenkmäler bekannt. Daher der Spott, Sprüche Sal. 26, S. Ursprünglich wollte man, wie bei den Bagana, den Geist des Begrabenen auf diese Weise unschädlich machen. Eine ähnliche Vorstellung führte zu einem Brauche, den die polnischen Juden aus fremdem Kreise übernommen haben. Am Tischa-beaw stecken sie nämlich Knoblauchzehen in die Gräber, die sie besuchen. Der Knoblauch gilt weit und breit als Dämonen abwehrend. Und eine in Warschau erschienene Erklärung dieses Brauches besagt ausdrücklich, daß man sonst im Laufe des Jahres die Dämonen an den Gräbern durch die üblichen Friedhofsgebete verscheuche; da man aber am Tischa-beaw diese Gebete nicht verrichtet, bediene man sich mit demselben Erfolge des Knoblauchs. Im Gedanken an diesen Brauch könnte man vielleicht sagen, daß auch jene Steinchen demselben Zwecke dienen sollen, — wenn sie nämlich beim Herantreten an das Grab geworfen und nicht beim Verlassen hingelegt würden und wenn jener Tischa-beaw-Brauch nicht auf Polen beschränkt bliebe. Findet sich unser Brauch, der jüdische Gräber unter andern, wie z. B. denen der russischen Kriegsgefangenen auf dem Friedhof in Hofgastein, von weitem kenntlich macht, in derselben oder in ähnlicher Form auch bei Nichtjuden? In Neapel schreiben die Besucher des Camposanto, besonders an Allerseelen, auf die Marmorplatte der Nischen, in denen verstorbene Verwandte oder Bekannte ruhen, mit Bleistift ihren Namen oder stecken ihre Visitenkarte in eine Ritze. Die Amarin in Arabia Petraea pilgern jedes Jahr zu den Gräbern ihrer Vorfahren; sie opfern ein Tier, lassen das Blut auf das Grab fließen, besprengen es mit Milch und sprechen dabei: „Dies ist eine Spende (zadaka) für die Seele des N." Auch legt man auf das Grab ex voto Knöpfe, Salzstücke u. dergl. Andere gießen etwas Öl auf den Grabstein, wie auch die Juden in Kairo die Steine, die sie auf dem Grab eines Angehörigen zu häufen pflegen, bei jedem Besuch mit Öl begießen. Wenn der Tihi — gleichfalls ein Araberstamm — in der Nähe eines Grabes eine 32