Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Steinchen auf Grabmälern
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 31 (sequence 2)
- Language
- German
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Steinchen auf Grabmälern aufsteigen, in diese Frauen einziehen und so neugeboren werden. Nach dem Glauben der Eingeborenen Niederländisch-Indiens zeichnen die Steine sich dadurch aus, daß sie nicht sterben. Sie besitzen nicht nur ewiges Leben, wie man ja von „lapides vivi" sprach, sie geben auch Leben. Kassianos Bassos (10. Jahrh.) spricht von einem Stein, den man in die Wurzeln der Fruchtbäume steckte, um die Fruchtbarkeit zu erhöhen. Auf Kaledonien und anderwärts steckt man zur Zeit der Aussaat Steine ins Feld, damit sie den Pflanzen Gedeihen geben; nach der Ernte nimmt man sie wieder heraus. Ähnliches gilt für das Erzgebirge, Posen, Baden, Westböhmen und sonst. Kohelet 3,5 könnte mit seinem „Steine sammeln", wenn eine solche Grundanschauung sich auch für Palästina vermuten ließe, auf die dort unter den aufgezählten Zeiten zu vermissende Zeit der Ernte bezogen werden. Bei den Nagas in Nordost-Indien ist ein Dorf stolz darauf, einen männlichen und einen weiblichen Stein zu besitzen, die sich fortpflanzen. Man denkt unwillkürlich an Deukalion und Pyrrha, an das Gleichnis Jesaja 51, 1, an Jeremia 2, 25, zu dessen Zeit der Glaube an die Herkunft von einem Stein noch hier und da lebendig war, an die Mithras-Geburt aus einem Stein, an die Adebarsteine in Pommern, die Kinder sich rückwärts über den Kopf werfen. Die brahmanische Braut muß auf einen Stein treten, wie auch in manchen jüdischen Gemeinden das Brautpaar sich einst vor der Trauung auf den „Man-Stein" vor der Synagoge setzte. Nach Saxo Germanicus mußte bei den alten Dänen ein gewisser Eid auf einem Steine stehend geschworen werden. Das Bundbeschwören der Araber bei sieben Steinen liegt wohl auch dem Namen „Berseba" zugrunde. Nicht zu vergessen die Unverrückbarkeit des Grenzsteines und der Krönungsstein der irischen Könige, der vom Stammvater Jakob bis in die Westminsterabtei gewandert sein soll, wo er noch heute besichtigt wird. Der Steinglaube rührt auch daher, daß man die Leben spendende Kraft einer Quelle auf den Stein, dem sie entsprang, übertrug. Man begreift das göttliche Urteil über Moses Schlagen des Felsens, wenn man an die Rute des Janus, das Zepter der Rhea-Pessinuntia und an mancherlei Regenzauber mit Hilfe von Steinen denkt. Weiß doch auch die Agada von Steinen zu erzählen, die sich von selbst mit Wasser füllten. Kam nun noch das Auffinden von Meteoriten, das Staunen über die Kraft des Feuersteines oder des Magnetsteines hinzu, so versteht man, daß den Steinen besondere magische Fähigkeiten zugeschrieben werden. „Donnerkeile" in Gräbern, wie in dem Childerichs, sollten dem Toten zur Abwehr feindlicher Geister dienen. Hieraus mag es sich erklären, daß gelegentlich dem jüdischen Brauch die Deutung unterlegt wurde, die Steinchen sollten dazu dienen, im Jenseits Christus damit zu bewerfen, 31