Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Die Verlobung
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 30 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Grunwald sich plötzlich auftut und dahinter eine Lichtung sichtbar wird, so hell noch, daß man aufschaut, — meint, sie stehe unter Mittag. Dort erhebt sich von einem glatten Baumstumpf ein Mann und geht dem Rabbi entgegen, als habe er sein Kommen erwartet Der Begleiter, der keinen Hauch seiner Erschöpfung mehr verspürt, sieht, mit welch großer Freude und Innigkeit Rabbi Mendel den fremden Bergjuden begrüßt, und bereit, ehrfürchtig in die Knie zu sinken, zumal beide sich jetzt seinen Augen entziehen, schließt er daraus, jener, der seinen Meister hierherbestellt haben müsse, könne niemand anders als der Prophet Elias sein. Nach einer beträchtlichen Weile überquert der Wiznitzer, allein wie er gekommen, die Lichtung und führt seinen Gehilfen, weder mit einem Wort noch mit einer Geste das Vorgefallene erklärend, auf einem neuen Pfad von der Bergkuppe. Der Abstieg gelingt ohne sonderliche Mühe. Aber erst auf der Straße nach Orodez fällt dem Chassid mit einiger Bängnis auf, daß sie über eine nächtliche Landschaft wandern. (Schluß folgt) Max Grunwaid: Steinchen auf Grabmälern Weit verbreitet ist bei Juden der Brauch, beim Besuch eines Grabes zum Abschied auf das Grabmal ein Steinchen zu legen. Ältere jüdische Quellen berichten nichts darüber. Erst in neuerer Zeit finden sich Erwähnungen davon. Daß man einen Kieselstein (hebr. Zeror) oder ausgerissenes Gras auf den Grabstein legt, damit will man nach dem Baer hetew (17. Jahrh., Polen) dem Toten anzeigen, daß man ihm zu Ehren das Grab aufgesucht hat. So findet man z. B. das Grab Herzls nicht nur mit Steinchen, sondern auch mit Visitenkarten übersät. In Ostgalizien reißt man ein Grasbüschel aus der Umgebung des Grabes aus und steckt es in das Grab. Man sagt dabei: „Heiliger N. (Name des Toten), verzeihe, daß ich dich in deiner Ruhe störe; X. ist dich zu besuchen gekommen." Auch für Deutschland ist jenes Steineniederlegen aus dem 17. Jahrhundert durch den Frankfurter Magister Schudt und sonst bezeugt. War dieser unserem Brauche heute innewohnende pietätvolle Sinn, dem Toten zu zeigen, daß er nicht vergessen und sein Grab nicht vereinsamt ist, ihm von Hause aus eigen? Beachten wir, daß ganz ähnliche Sitten anderer Völker andern Beweggründen entsprungen sind. In Portugal wirft man Steinchen auf Gräber. Als Opfer für die Seelen der Verstorbenen werden sie (nach Lebrecht, Zur Volkskunde, S. 267) auch anderwärts gebraucht. Bei den Baganda z. B. werfen Weiber, die an Gräbern vorübergehen, Gras oder Steinchen auf sie, damit die Geister nicht aus den Gräbern 30