Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Die Verlobung
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 29 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Verlobung Gegenstand, zwischen Daumen und Zeigefinger seiner Rechten eingeklemmt, mit den Zähnen zu durchbeißen. Von den zusehenden Chassidim wenden die älteren sich achselzuckend ab, während die jüngeren mit den stämmigen Bauern und Fuhrleuten den Erfolg seines Tuns wohlwollend in Frage stellen. Rabbi Mendel läßt seinen Bedienten nachsehen, was es da Staunenswertes gebe, und erfährt, der Bursche, ein Floßbinder, habe ein Fünfzigkopekenstück durchgebissen mit der Absicht, beide Teile dem Rabbi auszuhändigen, um sie nachher aus seinen Händen wieder in Empfang zu nehmen. Von den zwei Hälften wolle er die eine für sich behalten, die andre seiner alten Mutter in Ostrog senden.. Da nimmt der Wiznitzer, als ob er die Tat bezweifle, von seinem Tisch, auf dem in einem dreieckigen Tuch Kupfer- und Silbermünzen sich zu einem ansehnlichen Häuflein runden, ein Fünfzigkopekenstück, betrachtet es ein paar Sekunden so nachdenklich wie eine Seltenheit, wählt noch ein zweites aus, blanker als das erste, und sagt dann, während er mit plötzlicher Wendung die beiden Geldstücke dem erstaunten Diener in die Hand drückt: Geh und tausch mir diese zwei Stücke gegen jene zwei Hälften ein und bestelle dem jungen Menschen aus dem Munde des Rabbis, meine vollen Münzen werden ihren Zweck besser tun als seine halben. In den späten Nachmittagsstunden verläßt der Wiznitzer, gefolgt von seinem Gehilfen, das Haus durch eine unauffällige Pforte. Im Glauben, es handle sich um einen Spaziergang, wird der Begleiter rasch inne, daß sein Meister, bemüht entgegenziehenden Gesichtern auszuweichen, die Straße einschlägt, welche ehestens aus der Stadt und in gerader Richtung zum Berg hinführt. Der Rabbi eilt, als hätte er jemand einen Vorsprung abzujagen, über die nun laubüberdachte Straße, ohne seines atemerschöpften Begleiters zu achten. Die Schnelligkeit, mit welcher der Zurückbleibende seine Sohlen heben muß, vertreibt in ihm jede Vermutung über die geheimnisvolle Ortskenntnis seines Führers in diesem niebetretenen Gebiet. Und da er ein wohlbejahrter Mann ist, fällt der Aufstieg ihm doppelt schwer. Ja der Gedanke, er könnte über einen der Wurzelknorren straucheln und die Reise nach unten wie ein umgelegter Karren antreten, läßt ihn für Sekunden daran zweifeln, ob der Rabbi bei wahrem Tröste sei oder einem Blendwerk übergeben. Inzwischen hat der Wiznitzer den unwegsamen Aufstieg zuwege gebracht und schreitet nun, seinen Schritt verlangsamend, wie ein Spaziergänger durch das Gehölz. Das Schweigen im Tann und die graudunklen Wolken schrecken das Gemüt des Begleiters mit den gleichen Schatten, wie sie vor ihm herzuwandeln scheinen. Mit ängstlicher Beklommenheit bleibt er stehen, da der Wald 29