Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Die Verlobung
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 28 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Moritz Kaswan tragenden Judit. Männer wie Frauen rückten bei ihrem Anblick scheu zur Seite, und die ihre Schönheit begafften fuhren erschrocken zurück, als die Geführte schrille Laute wie Vogelschreie ausstieß und stehenblieb. Es war eine Besessene. Zwei Tage, hieß es, werde der Rabbi noch in Orodez bleiben. Die Reihe kam an eine junge Frau, die, begleitet von einem sechzehnjährigen Knaben, vor den Zaddik trat und ihn bat, ihren Sohn zu segnen. Wie dieser mit einem vollen Blick die Knabengestalt in sich aufnehmen will, sinken ihm die schon erhobenen Hände mit sachter Bewegung herab, und während die beiden stillen Auges seiner Gebärde folgen, sieht der Rabbi das vergessene Gesicht. Sieht den Knaben bald im Licht und bald im Schatten: es ist das Antlitz, das er vor sich hat, Zug um Zug, nur um acht Jahre älter. Und plötzlich sieht er auch das Mädchen bald im Licht und bald im Schatten: es ist das gleiche Antlitz, das ihn in Lemberg zum Aufschauen zwang, nur um sieben Jahre älter. Rabbi Mendel schließt die Augen, um sie gleich wieder der Frau zuzuwenden, und sagt: Weshalb kommt dein Mann nicht? Die Frau errötet über diese unverhoffte Frage und antwortet, ihr Mann sei nicht in Orodez. Wo ist Hersch Dalbitzer? ruft da der Rabbi und ruft es mit einer Wärme, als gelte es einem lang vermißten Freund, daß die erschrockene Frau am Schlag ihres Herzens spürt, wie fehl sie mit ihrer Furcht vor dem Zaddik gehe. Zögernd beginnt sie von der Unstetheit ihres Mannes zu erzählen, von seiner Flucht zum Berg und seinen tagedauernden Gängen, niemand wisse wohin. Die Frau erzählt ungewandt und flüsternd, als hindere sie das Beisein des Sohnes. Den Rabbi aber dünkt es, solche Rede habe er schon einmal vernommen. Und wie die Frau wieder still zu ihm aufschaut, erinnert er sich an die Gattin des reichen Waldhändlers in Lemberg und hört auch die Worte heimlich aufklingen, die beide Frauen ungesagt ließen. Die Bittende wartet auf eine Antwort, und so sagt Rabbi Mendel zu ihr: Ich werde meinen Gehilfen übergeben, daß sie dich und deinen Sohn morgen vor den andern zu mir lassen. Dann will ich deinen Sohn segnen und deine Klage schlichten. Als die Frau gegangen ist, verharrt der Wiznitzer noch eine Weile reglos in seinem Sessel bis einer von seinen Leuten behutsam nähertritt und ihn leise anspricht: Rebbe, der Hof ist noch voller Menschen. Da erhebt der Wiznitzer sich und schreitet ohne Erwiderung zum Fenster, von wo er das Lager der Wartenden unbemerkt überschauen kann. Drunten unterbricht ein kleines Ereignis die Psalmen und Leidensgeschichten der Verzagten: ein baumhoher Bursche, dessen gebräunte Haut und breite Schultern wenig Verwandtschaft mit den übrigen aufweisen, schickt sich eben an, einen winzigen 28