Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Die Verlobung
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 27 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Verlobung Psalmen herzusagen. So tief verlor er sich im Strom des jahrtausendalten Trostes, daß er nicht merkte, wie die Strohlage und er selber darauf bei der bergigen Schlittenfahrt zur Erde glitt. Auch der Fuhrmann gewahrte nichts davon, sondern erreichte die Feldschenke ohne seinen Fahrgast. Sofort machten die Leute sich auf die Suche nach dem verlorenen Reisenden: sie fürchteten ihn erfroren oder verschneit irgendwo im Walde, trafen ihn aber auf seiner Strohlage, als säße er noch im Schlitten. Zu beiden Seiten stand der Schnee und schloß einen Halbkreis um den noch immer inbrünstig die Psalmen hersagenden Juden. Als die Leute laut seinen Namen rufend auf ihn zueilten, sah er auf und sagte zu seinem Fuhrmann, freudebewegt: Siehst du, wir haben doch heil die Herberge erreicht. In Kossow, wo er glücklich anlangte, erwartete ihn bereits der Gehilfe des Rabbis und führte den Erstaunten sofort zu Rabbi Chajim. Dieser schalt lächelnd: Von heute ab untersage ich dir, die Psalmen auf einer Schlittenreise herzusagen und den Kossower zu zwingen, sich mit dem Schneesturm herumzuschlagen, daß solche Inbrunst nicht verweht werde. Sag' deine Psalmen künftig am warmen Ofen oder in sicherer Bleibe, da kann keiner sie dir nehmen, und Chajim Kossower braucht nicht auf dich aufzupassen. So feierten die Chassidim Rabbi Mendels Ankunft in Orodez. Am Sabbat war das mit den Wappen der zwölf Stämme und allerlei Fahnen geschmückte Bet-Hamidrasch Ziel einer tausendköpfigen Gemeinschaft. Dort hörte auch der letzte Waldjude den Rabbi sagen: ...Es gibt nichts Böses auf der Welt, denn das Gemeine ist nur die tiefste Sprosse des Guten... An den folgenden Tagen wichen die Chassidim nicht mehr vom Hofe ihres Rebben. Zu ihren fröhlichen Mienen gesellten sich verhärmte Judengesichter, welche die Zeit mit dem Hersagen von Psalmen oder dem Aufzählen ihrer Leiden ausfüllten. Da nächtigten unter ihren Wagen Väter, die zu Hause zwei oder drei unverheiratete Töchter auszustatten hatten und über keinen Rubel eignen Geldes verfügten; Töchter ohne Mitgift aber versaßen. Da hockten in den Fuhren auf einer Strohlage Frauen, denen, weil sie ihren Männern nicht gebären konnten, ein elend Leben bevorstand; denn von einer unfruchtbaren Gattin scheidet sich der Mann. Mütter kamen und schleppten auf dem Rücken ihre verwachsenen Kinder. Lahme und Blinde kamen. Alle warteten, daß man sie in das Zimmer des Rabbi lasse. Auch Bauern befanden sich darunter, die stumm neben ihren Gespannen saßen und denen ihre Not nicht aus den Augen zu lesen war wie bei den andern. Einmal umlief den Hof ein Geraun, und aller Blicke folgten dem Gang eines Mädchens, das von einer Greisin geführt durch die Reihen der Leute schritt wie eine Blinde. Es war ein Geschöpf von edlem Gliederbau und dem Antlitz einer schwert- 27