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Der Morgen · 1938-04-01 · Heft 1 (April 1938) · p. 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 1 (April 1938)
Article
Die Verlobung
Date
1938-04-01
Page
26 (sequence 5)
Language
German
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Moritz Kaswan nacht flimmern aus allen Fenstern hunderte von bunten Papierlaternen, und mit den fackeltragenden Chassidim schreien am lautesten, als ob sein Kommen sie vom Cheder erlöse, die Knaben: Es lebe der Rabbi. Fast die ganze Nacht über bleibt das große Bethaus der Treffpunkt der hochgemuten Juden. Leib Huß hatte Branntwein und Honigbrot hinschaffen lassen, und wer nicht schlief, lauschte den Erzählungen der Chassidim, die in ihren Geschichten die wunderzeigenden Kräfte ihres Rabbis rühmten. Da war vor etlichen Jahren ein seit längerer Zeit erblindeter Lehrer zum Wiznitzer gekommen und nach dessen Fürsprache wieder heimgefahren, allerdings ohne seine blaue Brille abgelegt zu haben. Erst vor einiger Zeit erfuhren die Menschen, daß diesem Mann sein Augenlicht längst zurückgeschenkt worden war. Es wäre wahrscheinlich nie bekannt geworden, hätte er nicht einmal zerstreut die Brille abgenommen. Die Schüler entdeckten plötzlich, daß er ihnen den Text nicht mehr, wie sie glaubten, aus dem Gedächtnis vorsprach, sondern aus seinem Buch ablas. Der Lehrer gestand, daß der Wiznitzer ihn damals wieder sehend gemacht, gleichzeitig aber ihm aufgetragen hätte, weiter als Blinder zu leben, damit die Leute nicht meinten, es wäre ein Zauber im Spiel. Eine andere Begebenheit: zu Rosch Haschana traf in Wiznitz eine Frau ein, die ihr Kind in der Marter des Fiebers zurüeingelassen hatte und durch die Fürbitte des Rabbis seine Genesung erhoffte. Als seine Gehilfen ihr Bittgesuch zu den übrigen Zetteln der Not und des Mühsais taten und an zweihundert aufgeschriebene Schicksale vor dem Rabbi häuften, griff dieser sogleich aus der Menge ihren Zettel heraus und schob ihn mit einer schmerzlichen Bewegung von sich. Er konnte keinen Toten mehr lebendig machen. Der Chassid Mordechai Kaswan war von Obertyn nach Orodez geeilt, um den Sohn seines Rabbis zu sehen. Unter den Juden, die da im warmen Ofenwinkel des großen Bethauses saßen, war er der älteste und gehörte noch zur Gefolgschaft des berühmten Rabbis Chajim Kossower, der des Wiznitzers Vater gewesen war. Als der Kossower noch lebte, fuhr er an einem Wintertag zu ihm, um den Sabbat an seinem Tische zu begehen. Die beträchtliche Strecke nach Kossow legte er in einem einfachen Bauernschlitten zurück, dessen Sitz mit einer dicken Strohlage bedeckt war. Während der Fahrt setzte heftiges Schneetreiben ein, so daß der Fuhrmann lieber umkehren als Gefahr laufen wollte, bei dem Unwetter vom Wege abzukommen. Der Chassid aber meinte, bis zur nächsten Herberge würde man es noch schaffen, zudem wäre er sicher, daß Chajim Kossowers Stärke ihnen beistände, und er solle nur ohne Sorge weiter mit der Peitsche knallen. Er selbst begann mit großer Inbrunst die 26

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