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Der Morgen · 1938-04-01 · Heft 1 (April 1938) · p. 25

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 1 (April 1938)
Article
Die Verlobung
Date
1938-04-01
Page
25 (sequence 4)
Language
German
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Die Verlobung Entgegnet der Waldhändler, nun vollends baff, seine Tochter sei bereits fünfzehn Jahre alt geworden und solle verlobt sein, wie es sich gehöre. Und weil der Rabbi gerade danach frage, deswegen sitze er ja hier, um seinen Rat zu hören. Tue er gut daran, besagten Jeschiwaschüler zu wählen, oder wisse der Rabbi für ihn, für Leib Huß, einen bessern Eidam? Mit der gleichen Stimme, mit der er jedermann auf eine Frage eine Antwort gibt, sagt darauf der Wiznitzer: Fahre nach den Feiertagen getrost nach Hause und lasse diese Sache meine Sorge sein. Seitdem wollte von Rabbi Mendel das Gesicht nicht weichen. Er verglich die Knabenerscheinung mit der des Wolf Fischi: ein schmales Antlitz, von dem durch vieles Grübeln die Jugend abgeschliffen schien wie von einem blanken Dolch durch endloses Wetzen die Schärfe. Er war es nicht. Auch unter den andern Schülern traf er keinen, der gemeint sein konnte. Neue Begebenheiten löschten das Gesicht schließlich aus. — Nach einer Reihe von Monaten begleitete der Wiznitzer den berühmten Rabbi Israel von Rizin, seinen Schwiegervater, auf einer Reise nach Lemberg. Beide waren Gäste des Waldhändlers Huß. Während jedoch der Riziner die Stadt bald wieder verließ, willfahrte Rabbi Mendel den Bitten seines Chassids und blieb noch für etliche Tage in dessen Hause wohnen. Noch glücklicher darüber als der Gastgeber selbst war seine Gattin, Frau Salea. Die Milde des Zaddiks verwies sie nicht aus seiner Nähe, aber ihr Mann warf ihr vor, die Gegenwart eines Frauenwesens störe den Rabbi. Dieser hatte nur ein einziges Mal aufgeschaut, als ob ihn etwas bedränge: da stand aber nicht die sich härmende Frau Huß vor ihm, sondern deren fünfzehnjährige Tochter, die auf den Zehenspitzen, ungesehen von dem lernenden Rabbi, durch das Gemach schlüpfen wollte. » Die Rückreise nach Wiznitz führt Rabbi Mendel über die Stadt Orodez. Schneller als die Hufe der Pferde jagt die Nachricht der Ankunft des berühmten Mannes voraus, und als der Wagen dqs Wiznitzers die Straße nach Orodez erreicht, zieht ein Spielmannszug von fünfzig Musikanten ihm entgegen. Hinter den Fiedlern folgen zu Pferd sitzende Chassidim in seidnen Kaftanen und prächtigen Zobelmützen. " Aus den nahen Städtchen und von weither treffen die Anhänger des Rabbis ein. Die Bachurim spannen sechs frische Tiere vor seine Kalesche, und so, umringt von vierspännigen Kutschen und Reitern, voran das anfeuernde Aufklingen der Geigen, erreicht der Zaddik die ersten Häuser des Städtchens, wo die Bewohner von Orodez ihn mit Trompetengeschmetter, Händeklatschen und den Rufen empfangen: Es lebe der Rabbi. Vom frühen Abend bis nach Mitter- 25

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