Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Die Verlobung
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 24 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895580-2895581-2908091--10518-2908144- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Moritz Kaswan seiner Chassidim, die im Hof und vor dem Hause lagern wie Reisige, nur friedfertiger, und meint: Kommen sie nun eigentlich deinet- oder meinetwegen? „Ein reicher Chassid ist auch nur ein Chassid", erwidert geschmeichelt der Waldhändler und fügt aus Furcht, der Wiznitzer könne sich den ungeduldig harrenden Besuchern zuwenden, rasch hinzu: „Ein reicher Chassid benötigt den Rat des Rebben ebensogut wie ein armer." Rabbi Mendel, der wirklich die neuen Ankömmlinge begrüßen wollte, hält seine Bewegung seufzend auf und lädt den Ratsuchenden ein, ihm zu folgen. Er öffnet die Tür zu seinem Lernstübel: ein Zimmer, in dem alte Folianten wie bejahrte Lebewesen schief in den Regalen stehen. Erst der einfache Holztisch, auf dem einige von den zernagten Lederbänden aufgeschlagen liegen — jedes Blatt eine Tafel —, scheint ihnen Leben einzuhauchen. Worum der Waldhändler Huß den Rabbi angeht, ist kaum eine Sache von Belang zu nennen. Es handelt sich um den sechzehnjährigen Wolf Fischl, den er vor drei Jahren auf die Wiznitzer Jeschiwa schickte und heute als Bräutigam für seine Tochter Babuschka nach Lemberg mitnehmen möchte. Es war kein Geheimnis, daß der Rabbi von dem Bachur Wolf Fischl einmal gesagt hatte, andre wohnten dicht bei der Tora — in diesem wohne die Tora selbst. Tue der reiche Waldhändler Huß nun gut daran, diesen zu wählen, oder wisse der Rebbe einen bessern Eidam für ihn? Der Wiznitzer empfängt die Rede des Mannes mit geschlossenen Augen. Wie zwei schwarze zerzauste Flügel spreizen sich die dichten Brauen darüber, und als er sie bewegt, fällt auf den Sprechenden ein Blick, den dieser durch sich hindurch weiterwandern fühlt, als wäre sein Körper in eine Glassäule verwandelt. Der Wiznitzer Rebbe, Enkel des großen Rabbi Mendel von Kossow, sieht ein Gesicht: auf einem Fleck, zwischen Birken und hohen Gräsern, zwei Geschöpfe. Eines ein Knabe, das andre ein Mädchen. Eins im Licht, das andre im Schatten. Die Kinder laufen über das hohe Gras, aber der Halm krümmt sich nicht. Steht der Knabe im Hellen, bleibt das Mädchen im Dunkel. Ein Kreis umschließt beide, aber springt das Mädchen ins Licht, fällt Schatten auf den Knaben. Der Rabbi verharrt regungslos, die Augen wieder geschlossen, als fürchte er, nach dem Weichen des Gesichtes die grünen Fäden, welche davor noch flimmern, durch ein Öffnen zu zerreißen. Auch sein Gegenüber sitzt reglos und ohne Sprache, noch immer eine Glassäule, die erst wieder zu Fleisch wird, da Rabbi Mendel zögernd und mit einer unerklärlichen Senkung seiner Stimme sagt: Wozu willst du dich jetzt schon verschwähern, dein Kind ist doch erst sieben Jahr alt? 24