Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Die Verlobung
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 23 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Verlobung aber keinen kümmere es, daß der Grundherr ihn stäupen und dann einriegeln ließ. Warum? Weil ihr Mann nicht den Pachtzins gezahlt habe. Warum habe er ihn nicht gezahlt? Weil in der Schenke seine vier Töchter herumsaßen, den Eltern ein Ärgernis und den Gästen ein Vergnügen. Nun sitzen die Töchter — Gott sei Lob dafür — ehrbar bei ihren Gatten, denn der Pachtzins habe für vier Aussteuern gereicht, — der Vater jedoch büße mit zerschundenen Gliedern. Warum, Rebbe? Und weshalb schweigt Gott dazu? Das Antlitz des Rabbis ist von leuchtender Milde, wie das Nachmittagslicht auf einer weißgesternten Wiese. Sie läßt sich nicht verdecken und schimmert durch die Ritzen seiner vorgehaltenen Hände wie der helle Tag aus acht schmalen Bogenfenstern. Jeder Finger seiner Rechten und Linken könnte die Flamme des Wirrsals ersticken und den Schlägel des Satans auffangen und zerbiegen. Der Rabbi aber weiß, seine Hände sind auch Gottes Gelenke. Was Gott einmal entzündet, will er nicht löschen, und was er zum Niedersausen bestimmt hat, nicht bremsen. Doch die Hände enthüllen das entrückte Gesicht und sprechen: So wollen wir uns wenigstens auftun und zu einer breiten Schale runden, in die ihr eure Zettel der Not und der Verdammnis hineindrückt, auf daß wir sie dem Himmel entgegenhalten. Der Rabbi weiß, der Himmel öffnet sich nicht so leicht, und die Armen können so lange nicht warten. Er sammelt für die Frau des Pächters den Zins, verspricht für die Sieche Genesung und für ihre Geburten Leben. Zu dem ersten Chassid sagt er: Übersiedle von deiner Stadt in eine andre. Das Glück wechselt mit dem Platz. Und er rät dem aufhorchenden Chassid zu einer Reise nach Orodez. Ungestümer als ein Schofarruf packte die Judengemüter in Orodez die jeweilige Ankunft des Waldbesitzers. Messiaszeiten schienen heranzurücken, nur weii die schlimme Frage plötzlich geklärt war: woher das Silberstück nehmen, um den Sabbat herzurichten? Leib Huß ließ jeden sein Silberstück verdienen. Was er selber heimtrug, war schwer zu schätzen, aber hätte er auch sein Haus vom Keller bis zum Boden mit Goldmünzen angefüllt, so hätten die armen Seelen noch gute Wünsche draufgepackt, denn er war in seinem Handeln rechtschaffen und ohne Tadel. Sein Name lockte die Menschen nach Orodez, als ob da Gold zu finden wäre. Wo die aufrechte Gestalt des reichen Waldhändlers sich zeigte, umschlossen die erfreuten Juden sie wie eine Mauer ihren Turm. In Wiznitz, wo Leib Huß zu den hohen Festtagen eintrifft, um die Zeiten in der Nähe seines Rebben zu verbringen, weist Rabbi Mendel seinem Gast lächelnd die beträchtliche Schar 23