Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Erinnerung eigenen Lebens
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 19 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Erinnerung eigenen Lebens vielleicht noch Griechisch kamen meinem Wesen entgegen, wurden leicht bewältigt, während Mathematik mich ständig beschwerte. Keiner von denen, die bei uns sich damals als Schüler auszeichneten, ist etwas Besonderes geworden. Menschen, die ein gutes Gedächtnis haben, also schülerhaft gut iernen und mit Aufgenommenem sich hervortun, sind fast nie schöpferisch: die Erfahrung des Lebens hat es mir gezeigt. In dieser Zeit trat das Gefühl des Religiösen zurück; wenn jüdisches Leben nicht aus dem Vaterhaus in mir gewesen wäre, der dem Heranwachsenden erteilte Religionsunterricht hätte es gewiß nicht wecken können. Doch entsinne ich mich aus jener Zeit eines Gedichtes „Paria", das mir am Jörn Kippur in der Synagoge einfiel und das in der zionistischen Zeitschrift „Ost und West" erschienen ist. Der Titel zeigt, was es bedeutet, ich kann es nicht mehr auffinden; aber es muß durch irgendein unmittelbares Erleben veranlaßt worden sein, das an mein Judenschicksal mich erinnerte. Als ich im Herbst 1903 zum Studium nach München ging, dem von Heiterkeit und schöner Lebenskultur erfüllten München des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts, waren es zuerst Neuphilologie und Germanistik, Kunst- und Literaturgeschichte, denen ich mich hingab. Mehrere Semester blieb es dabei, bis ich mich entschloß, zur Rechtswissenschaft überzugehen, in der Hauptsache, weil ich als Ältester unserer Familie und insbesondere meiner lieben Mutter zu Willen die Pflicht zu einem Brotberuf, wie man damals sagte, fühlte. Aber nie ließ mich der Hang zu den reinen und gehobenen Dingen des menschlichen Geistes los. Es war nicht leicht, die neuen abstrakten Begriffe in mich aufzunehmen, da meine Veranlagung durchaus nach dem Anschaulichen gerichtet ist, als dem Wesen des Künstlerischen. Gleichwohl bewältigte ich diese nüchterne Aufgabe schließlich; nach gewissen — fast selbstverständlichen — Fährlichkeiten der Examina, muß ich freilich hinzufügen. Eigentlich bin ich nie müßig gewesen, war stets über den Büchern, nur eben die juristischen hatte ich zu lange in Ruhe gelassen; auch anderem gab ich mich nicht einseitig hin, so ernst ich es immer betrieb, wenn auch das Literarische in seiner höchsten Form stets den Vorrang hatte; fast unbewußt hatte ich immer ein höheres Ziel vor Augen, rückschauend sehe ich das jetzt erst deutlich. Und so schwierig bei meiner Veranlagung eben das Theoretische der Brotwissenschaft war, nach all dem Früheren, so befriedigte mich doch später die Praxis des juristischen Berufes in ihrer Vielfalt durchaus, lehrte sie mich doch, da sie mir nun die Anschauung des Lebens bot, Menschliches erkennen zu lernen, wie es vielleicht bei keinem anderen Berufe möglich gewesen wäre, ungeachtet 19