Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Erinnerung eigenen Lebens
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 18 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Picard Gelobe einem Enkel gegenüber sich erhob; auch lehrte sie mich früh das Schachspiel, das mich wohl davor bewahrt hat, ein Kartenspieler zu werden. Ja, kaum war ich Barmizwo geworden, als ich auch die ersten Versuche machte, mit Worten meine wahren oder eingebildeten Gefühle rhythmisch auszudrücken. Und vielleicht ist es nicht bedeutungslos, daß es nicht das übliche Liebeserlebnis war, das mich zuerst zwang, Gebundenes und Gereimtes zu sagen, als vielmehr das der Landschaft und ihrer Stimmungen. Lange blieben die Gedichte dilettantisch, wenn es auch immer ein innerer Trieb gewesen ist, der mich zu formen bewog und kaum jenes Geltungsbedürfnis, das das Wesen des Dilettanten ausmacht. Offenbar darum habe ich auch viele Jahre nichts zu publizieren versucht. Die Zeit des Gymnasiums verbrachte ich zu Konstanz im alten Gebäude eines früheren Barockklosters und jener humanistischen Atmosphäre, die die Ideale des letzten Jahrhunderts in mich pflanzte und mich band an das Vergangene, meinen historischen Sinn bestätigend. Gute Jahre sind es gewesen, deren Früchte ich heute noch ernte; wir hatten im wesentlichen verständige, dem Menschlichen offene Lehrer gerade in der Zeit, die wichtig für uns Heranwachsende war. Die Landschaft bot uns die Möglichkeit, außerhalb der Schule ein heiteres Leben zu führen. Wir fingen früh mit dem Sport an und liefen z. B. schon Ski im nicht zu fernen Hochgebirge, als man das anderswo noch nicht kannte. Ich hatte dort gute Kameraden, ja Freunde, die mich bis ins Mannesalter über die Universität hinweg begleiteten. Der treueste und mir liebste ist schließlich an der Somme gefallen; er war, als der Krieg kam, Assistent am Archäologischen Institut zu Heidelberg, ich Referendar in der gleichen Stadt. Es ergab sich unter uns auch bald ein Kreis, der sich bei allem schon studentischen Gehabe mit Trinkereien und Comment, das die kleine Stadt gestattete, dem Schönen widmete. Bereits in Sekunda hatten wir eine Art literarischen Zirkels mit wöchentlichen Zusammenkünften, bei denen gelesen und reichlich billiger Seewein getrunken wurde aus tönernen farbigen Bechern; ein älterer Freund, Maler und Keramiker, brannte sie eigens für uns. Ich bin der einzige, der beim „Dichten" geblieben ist, wenn auch einige davon es weit gebracht haben in Berufen, die dem Ästhetischen verwandt sind. Es war ein besonderes Ereignis für uns alle aus diesem engeren Kreis, als eine damals angesehene literarische Zeitschrift mein erstes Gedicht veröffentlichte, herbstliche Stimmungsstrophen, die zwischen den abgeernteten Feldern des Schwarzwaldstädtchens mit ihren Herbstzeitlosen entstanden und von meiner Großmutter zuerst als dichterisch gebilligt worden waren. In ihrer Art lasse ich sie heute noch gelten. Im übrigen war ich ein mittelmäßiger Schüler; nur Deutsch, Geschichte und 18