Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Erinnerung eigenen Lebens
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 17 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Erinnerung eigenen Lebens Bürgerkriegs. Die hatte er sich beschafft, weil als Führer der deutschamerikanischen Truppen auf seiten der Nordstaaten darin der frühere badische Offizier General Siegel eine Hauptrolle spielte, unter dem er selbst einst am badischen Aufstand teilgenommen hatte. Noch als Student erhielt ich eines Tages einen Brief von ihm mit der Frage, ob ich in der Zeitung gelesen habe, daß sein General gestorben sei; sein General. — Ferner besaß er in zahlreichen gehefteten Einzeldarstellungen die Lebensbeschreibungen sämtlicher Generäle der französischen Revolution und Kaiserzeit, die mich ebenso fesselten. So lernte ich iräh mit den Kriegszügen Napoleons I. und seiner Gestalt jene neue europäische Zeit und damit den Beginn unseres Zeitalters kennen. Wenn man aber nach dem Jüdischen fragt und wer mich dazu erzogen hat, so muß ich antworten, daß unser ganzes Leben davon erfüllt war, daß es wie die Luft um mich war von Anbeginn, bestimmt von der starken Art meines Großvaters väterlicherseits, eines wahrhaft und vertrauensvoll gläubigen Mannes, mit dem wir im selben großen Haus wohnten. Er galt als der Frömmste der Gemeinde; am Neumond sah ich ihn unter den Himmelssternen der Heimat l'wono mekadesch sagen, am Jörn Kippur sich inbrünstig im weißen Gewand büßend zu Boden werfen, die Gebete sprechend. Beide Großväter sind über achtzig Jahre alt geworden. Und wenn meine Großmutter mütterlicherseits mir das, was oben geschildert wurde, gegeben hat, so hat seine Frau, die Mutter meines Vaters, die ersten Jahre meiner Jugend so betreut, wie eben in einem frommen jüdischen Hause der älteste Sohn des Sohnes in der Bindung der religiösen Vorschriften zwischen Alltag und Festtag erzogen wird, von der Beris mila an über das erste Arba kanfos, das dem Bübchen weihevoll umgetan wird, bis zur Barmizwo. Sie hielt ihre schützende Hand bedingungslos über all meine Dorfbubenstreiche. Anders als die ferne Großmutter trug sie noch einen Scheitel; und es war eines der erschütterndsten Erlebnisse meiner frühesten Jugend, als ich sie, die ich nur mit den glänzenden schwarzen Haaren um das schon faltige Gesicht kannte, eines Morgens in dem natürlichen Schmuck ihrer Jahre silberweiß stehen sah, ohne die fromme Bedeckung: es war das Erlebnis des Alters; ich begann zu weinen. Kurz nachdem ich Barmizwo geworden war, hat mein Vater von sieben Kindern weg sterben müssen, ein ernster und gütiger Mann von starkem, berechtigtem Selbstgefühl, angesehen bei jedermann. Unsere Erziehung blieb meiner guten Mutter allein. Seitdem habe ich bis zum zwanzigsten Jahr, da ich zur Universität kam, alle Ferien bei den Großeltern mütterlicherseits in Tiengen verbracht. Dort hat die Großmutter meine ersten Gedichte mit einem Verständnis gelesen, das über laienhaftes und billiges 17