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Der Morgen · 1938-04-01 · Heft 1 (April 1938) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 1 (April 1938)
Article
Erinnerung eigenen Lebens
Date
1938-04-01
Page
16 (sequence 3)
Language
German
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Jakob Picard Von hundert Jahren her haben die Väter in unserem engeren und weiteren Familienkreis den Viehhandei als Beruf gehabt, wie eben allenthalben in solchen Landsiedlungen bis vor zwei Generationen, ehe man in die Städte zu ziehen begann. Er wurde bei uns in kaufmännischer Weise betrieben und war verbunden mit der Bebauung beachtlichen bäuerlichen Grundbesitzes; eigne Äcker, Obstbäume und Gärten gaben das Gefühl der Bodenständigkeit wohl mehr als anderswo, wie ja überhaupt Menschen, die in der freien Luft von eignem Grund und Boden aufwachsen können, meist andere seelische Voraussetzungen ihr Leben lang behalten als die aus der Enge abhängiger Mietwohnungen stammen. Freilich wandte mein Vater, gleich manchen seiner Altersgenossen, früh sich anderem zu; er zog mit uns in die Stadt, nach Konstanz. Damals war ich zwölf Jahre alt. Trotz der Abgeschlossenheit hat man die Frauen doch oft von draußen, für die Verhältnisse weit her und nicht aus der Nachbarschaft geholt. So nahm mein Vater seine Frau aus einem alten, heute noch schön gegiebelten Städtchen des südlichen Schwarzwaldes her, das Tiengen heißt, wo sie in ähnlichen Lebensumständen wie bei uns behaglich ihre Tage hinbrachten. Ihre Mutter kam aus dem französischen Elsaß des dritten Napoleon vor 1870 und trug ganz das innere und äußere Wesen ihrer Jugend und einer sicheren Kultur in sich bis an ihr Ende, besonders verehrt vom weiten Familienkreis, weil wir alle wohl unbewußt das wertvoll Nährende in ihr spürten. Dieser Großmutter von Mutters Seite her verdanke ich vieles von meinem Eigentlichsten, vieles hat gerade sie in mir geweckt. Früh schon, unmittelbar und nicht nur über meine Mutter weg, zeigte sie mir, daß es über den niedrigen Alltag hinaus die schönen geistigen Dinge des Lebens gibt. Sie hatte einen wachen historischen Sinn und war über ihre Zeit und Umgebung hin gebildet und wissend, wobei ich die frühen Klänge der französischen Sprache nicht vergessen darf, die ich von ihr hörte; auch erzählte sie von den klassischen französischen Dichtern und den großen Erscheinungen des Nachbarvolkes. Dabei war vor allem sie es, die mir zuerst Gedichte sagte; es ist nicht bedeutungslos, daß es die alemanischen Johann Peter Hebels waren: „Das Habermues" und „Der Winter" waren die ersten literarischen Strophen, die ich hersagen konnte. Bei ihr aber bekam ich auch, freilich viel später, im „Germinal" den ersten Band Zola in die Hand, eine ganz andere Welt, um dies vorwegzunehmen. Der Vater meiner Mutter hatte 1848 mitgemacht. Daher rührte wohl.auch seine starke Neigung für politische Geschichte, ja zu Abenteuerlichem. Viele Ferienwochen bei jenen Großeltern, immer wieder las ich in einem dickbändigen Werk mit erregenden Bildern, das ihm gehörte, die Geschichte des amerikanischen 16

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