Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Erinnerung eigenen Lebens
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Erinnerung eigenen Lebens allem, was ihn und seine Landschaft umschließt, geschwebt hat. Mit allem, was ihn umschließt: dem bewaldeten langgestreckten Berg in seinem Rücken, dem See, in den er, der Gestalt einer Halbinsel sich nähernd, vorgeschoben ist, seinen Häusern zwischen der Üppigkeit und Vielfalt der Obstbäume und Gärten, seiner Reben die Hänge hinan, hinter denen die Wälder emporwachsen. Vor allem aber das Leben seiner Bewohner, der bäuerlich alemanischen Menschen und unserer jüdischen Gemeinschaft, einer Gemeinde von nicht mehr als etwa fünfzig Familien, deren eigentlicher Mittelpunkt die hundert Jahre alte Synagoge am See zwischen den Pappeln war. Unsere Sprache war die der Umgebung, stark durchsetzt mit den Worten und Begriffen unserer alten heiligen Sprache, die seit je, wie überall auch sonst in Süddeutschland, für das profane Leben entliehen wurden, verstanden übrigens, ja gesprochen zum Teil auch von den nichtjüdischen Menschen der Bevölkerung. Ruhig lief das Leben hin, und man hatte nie jene wichtigtuerische Eiligkeit, die doch zu keinem Ziele führt. Und so sehr man den Alltag bescheiden zubrachte, so gut wußte man Feste zu feiern; es waren nicht nur die religiösen im Ablauf der Jahre, denen man sich selbstverständlich hingab, in Frömmigkeit und allem Vorgeschriebenen treu, auch spontan wurde manches geleistet, wozu ein gesunder Lebenstrieb und ein stolzes Gefühl von Unabhängigkeit Lust machten. Meine Vorväter kann ich bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts in unserem Dorfe namentlich zurückverfolgen; doch sind unseres Stammes mit den andern sicher schon Jahrhunderte früher dagewesen. Von Juden besiedelt wurde das Dorf wahrscheinlich zu Ende des 15. Jahrhunderts; sie sind von den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges direkt wohl nicht betroffen worden, weil die Gegend überhaupt offenbar verschont blieb, da sie auch damals von den großen Heerstraßen abgelegen war. Und es ist ebenfalls wahrscheinlich, daß meine Vorfahren zur französischen Judenemigration des 14. Jahrhunderts gehörten, worauf unser Name schließen läßt, den wir nachweisbar schon im 18. hatten, also vor 1809, da die meisten übrigen Juden Süddeutschlands und vor allem Badens ihre bürgerlichen Namen von heute empfingen. Ein solider Bestand von Bräuchen und familiärem Wesen hat sich lange erhalten, gewiß auch darum, weil unser Dorf und die ganze Gegend wie schon erwähnt, aus verkehrstechnischen Gründen bis in die neueste Zeit abgelegen von den großen Wegen, immer eine gewisse Abgeschlossenheit dem Außen gegenüber bewahren konnte, eingerahmt von See und Berg und Wald, wie es war. So ergab sich nicht nur in unserer Familie ein starkes Bewußtsein familiären wie religiösen Herkommens. 15