Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Der Zionismus als säkularer Idealismus und als religiöse Bewegung
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
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Der Zionismus als säkularer Idealismus und als religiöse Bewegung Zionismus. Der Zionismus ist also die letzte Konsequenz eines politisierten Westjudentums. Ein politisiertes Judentum, d. h. ein Judentum, das sein Weltbild nur in politischen Kategorien aufbaut und nur so ethische Möglichkeiten offen sieht, mußte behaupten, daß es für seine Situation einzig die Entscheidung zwischen Paria existenz und politischer Selbständigkeit gebe. Diese Behauptung ist falsch. Sie widerspricht der jüdisch-religiösen Auffassung, daß es möglich ist, ohne nach dem Mittel der Macht zu greifen, die Macht der Wahrheit und des Guten durchsetzen zu können. Die Geschichte des Judentums ist nur zum geringsten Teile Staatsgeschichte. Aber ihr größerer Teil, die Geschichte derGalut, ist nie Geschichte der Pariaexistenz gewesen. Hier verfälscht der nur in politischen Begriffen denkende Mensch das Bild von der Vergangenheit des Judentums. Es ist die Leistung des Judentums, in der Galutsituation die Menschenwürde des Juden, seine geistige Freiheit und seinen Zugang zur Welt zu ermöglichen. Der in politischen Kategorien denkende Mensch sagt Freiheit und meint die Freiheit zur herrschaftlichen Entfaltung. Diese Freiheit war in der jüdischen Geschichte nur in den kurzen Fristen vorhanden, da das Judentum im eigenen Staate lebte. Aber nach dieser Freiheit, nach der Freiheit zur herrschaftlichen Entfaltung, hat der Jude kein Gelüst. Er weiß, daß der kein Knecht sein muß, der nicht befiehlt. Hier stehen sich der feudale und der priesterliche Freiheitsbegriff gegenüber. Im priesterlichen Raum gibt es keine Herren und keine Knechte, obwohl auch hier — aber nur gewissermaßen — befohlen und gehorcht wird. Der Priester, der sich der Macht resigniert fügt oder ihr, wo er sie in einer Berufung sieht, begeistert dient, ist nie ein Knecht. Er bleibt Priester. Sein Beruf ist es, zu segnen und nicht, zu herrschen. Das ist die wunderbare Freiheit des Judentums. Das Judentum hat in seiner Symbiose mit der griechischen Kulturwelt zum erstenmal die Welt des abendländischen Idealismus verarbeitet. In seiner Symbiose mit dem Islam, der ja in seinem entscheidenden Teil als arabischer Hellenismus zu verstehen ist, hat es weitere Elemente des abendländischen Idealismus in sich aufgenommen. Schließlich ist die idealistische Bewegung des 19. Jahrhunderts mit Wucht in das moderne Judentum eingemündet. Der Zionismus hat schon recht, wenn er von einer Renaissance spricht. Nur darf er dieses Wort nicht mit teschuwa, Umkehr gleichsetzen. Diese jüdische Renaissance, die uns beglückt und verpflichtet, ist nur dann eine echte Renaissance des Judentums, wenn es sich auch um ein Wied er erwachen der religiösen Kräfte handelt. Auch darf man die vorzionistische Renaissance des Judentums im 19. Jahrhundert nicht übersehen, jenes Aufleben jüdischen Lebens durch die gewiß gefährliche, 7