Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Selbstbewußtsein
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Selbstbewußtsein suchen, flüchten sie lieber bis ans andere Ende der Welt. Die Verschiedenheit jener Umweltformeln zur Deutung des Judentums ist so groß, daß nur jene äußerste Undurchsichtigkeit einer Gruppe, die über sich nichts Bestimmtes, Tiefgreifendes auszusagen vermag, zur Erklärung dafür dienen kann. Juden leben — das ist wohl die erschütterndste Erfahrung dieser Zeit — kraft ihres Judentums, nicht umgekehrt. Erst wenn sie wieder so richtig darin stehen, daß die Welt an ihnen verstehen lernen kann, was Judentum ist, wird auch die jüdische Lage wieder klarer und damit besser werden. Mit Selbsterkenntnis hätte das Zeitalter der Emanzipation eigentlich beginnen müssen, sollten die Juden darin einen festen Standort finden. Doch was man dafür ausgab, waren jüdische Teilgehalte in zeitgenössischen Formen. Die Lebensgestaltung der Zeit aber, die vom 18. Jahrhundert bis in unsere Tage reichte, verlangte auch nicht Selbsterkenntnis, sondern Einordnung und kam damit der Abneigung der Juden, gründlich über sich nachzudenken, entgegen. Seit Kant beruhte die kennzeichnende Eigenschaft dieses Lebens darin, aus dem Alltag Religion sorgfältig auszuklammern und nach Möglichkeit durch Kunst und Bildung zu ersetzen, bis auf die ganz private Nische, worin man seinen Glauben unter Verschluß hielt. Gott wurde ein Begriff über den Himmelssphären. Es ist einleuchtend, daß bei diesem stolzen und großen Versuch des Menschen, alles" aus eigner Kraft zu tun, von der Religion nur ein schmaler Streifen Ethik verwendbar blieb. Auch die Juden gewöhnten sich daran, so etwas wie 'Opium für das Volk' darin zu sehen, eine Vorstufe menschlicher Mündigkeit, das Unvollkommenere gegenüber weltbeherrschender Wissenschaft. Eine praktische Sittlichkeit einfacher Art war jedoch die Grundlage dieses Lebensgefühls, und auf jeden Angriff dagegen, wie er z. B. in Nietzsches Leitbild des amoralischen Übermenschen lag, reagierte das allgemeine Bewußtsein empfindlich und scharf. Inzwischen ist jene Wissenschaft selbst fraglich geworden, und daß es eine „Krise des abendländischen Denkens" gibt, wird für Juden nur augenblicklich oft in der Verteidigung ihrer Zugehörigkeit zum Abendlande überdeckt. Doch selbst ohne alle politischen Änderungen wäre das geistige Mitgehen nicht mehr unbefangen zu vollziehen gewesen. Die klare Folgerung aus dieser Lage, die theoretisch denn auch kaum einen Einwand findet, hieße Mut zum Judentum, — zu dem Judentum, von 3