Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 1 (April 1938)
- Article
- Selbstbewußtsein
- Date
- 1938-04-01
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Selbstbewußtsein dem wir stolz zu bekennen pflegen, daß es ein ,Volk ohne Boden4 durch sehr lange Zeiten vor dem Untergang bewahrt hat. Äußerlich ist diese Bewegung in vollem Gange; doch wie schwer ist es, innerlich damit Schritt zu halten! Mit dem Mut der Verzweiflung spricht man lieber von einer ,ausweglosen Situation'. Denn Judentum heißt für jeden, der Ernst damit macht, nicht mehr Pietät, Brauchtum, natürliches Volkstum und was der abgeleiteten Gehalte mehr sind, sondern: Rückkehr zu Gott. Es gibt zwar eine jüdische Theologie, die diesen Sprung als vollzogen voraussetzt und hinter dem Graben allerlei grünes Land erblickt, doch weil auch ihre Träger (ohne Unterschied des Standorts) von Gewußtem, nicht von Gelebtem reden, bleibt, von einem Fünkchen Hoffnung abgesehen, das Reden wirkungslos. Tatsächlich steht dieser Rückkehr alles entgegen, was vom 19. Jahrhundert noch in uns übrig ist, vor allem der nun leidvolle, aber immer noch unerschütterte Glaube an des Menschen eigne Kraft. Ein gebildeter Jude geniert sich vor dem Verdacht, er könne Gott nötig haben, und am meisten schämt er sich darin vor sich selbst. Gottes Wirken in der Geschichte zuzugeben, wo diese groß und unpersönlich ist, wäre er im stillen allenfalls bereit. Doch immer noch mißtraut er für seine Person der ,Fiktion' der Religion; wird es damit ernst, so fühlt er sich degradiert, von der Höhe seiner Bildung mitten unter das ,gemeine Volk' versetzt: — dann noch lieber Verzweiflung! Diese Verzweiflung ist das Tapferste und Beste am heutigen Judentum, die alte Halsstarrigkeit, die sich erst unterwirft, wenn sie nicht mehr anders kann. Wird sie nicht in Scheinlösungen umgebogen, sondern ehrlich erlebt, so ist sie der Weg der Rettung. Wo die Lebensstützen halten, sollen sie bestehen bleiben; es hätte keinen Wert, am Stürzenden noch einzureißen. Wo aber die Tragpfeiler von innen her am Ausbrennen sind, verwandelt Lebensangst sichin ein merklich Anderes, seit langem Ungekanntes: in die Furcht vor Gott. W i e dieser Weg weiterführt, daß das Bestehende nicht bedeutungslos, sondern bestätigt und gefestigt wird, muß jeder der ihn geht, erneut an sich erfahren. Daß es ein Weg der Seele ist, die Verzweiflung liebevoll anzunehmen und auszuhalten, mag Zögernden zu hören tröstlich sein. Zeiten der Gefahr sind die Zeiten des Judentums. Doch „wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch". Judentum ist so lebendig wie eh und je. Es wartet nur darauf, wieder entdeckt, geliebt, erobert zu werden. H. B. 4