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Der Morgen · 1938-04-01 · Heft 1 (April 1938) · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 1 (April 1938)
Article
Selbstbewußtsein
Date
1938-04-01
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Selbstbewu ßtsein wenn nur schematisch ergriffen, nicht das volle Maß an Kraft und Leistung freigeben. Und ebenso wie die Präzision und Feinheit der beruflichen Vorbereitung der Auswanderung hierzulande noch zu wünschen übrig läßt, steht es auch mit der seelischen Ausrüstung. Weder das Bewußtsein, einst eine geachtete Stellung eingenommen zu haben, noch der Stolz, aus guter Familie zu stammen, schützen in der Ferne vor einer Unsicherheit, die sich abwechselnd in Anmaßung und Kleinmut äußert. Die eiserne Ration an Judentum, die jeder mitnimmt, wird allzu oft stickig. Wer aber drüben sich selbst und den andern im Wege steht, belastet die Zukunft, — die der Nachwandernden, der Gefährten und der nächsten Generation. Zu diesem Nochnicht des äußeren und inneren Gleichgewichts tritt anderswo ein Nichtmehr, wenn nicht gar, wie in Palästina, in Hoffnung und Sorge beides zusammentrifft. Selbst in einem Land wie Frankreich ist die Erörterung der Judenfrage in vollem Gang, und wir wissen aus Erfahrung, daß öffentliche Diskussion, der Frage einer Änderung der Lage um eine beträchtliche, aber doch absehbare Zeit vorauszugehen pflegt. Andernorts bewirkt der Übergang zu ständisch gebundenen Formen, daß die Juden in einem solchen Gefüge nicht recht unterzubringen sind. Damit ist ideologischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Antisemitismus nicht notwendig und nicht allerorten verbunden, doch in keine der Ideologien vorwärtsdrängender jüngerer Gruppen paßt das jüdische Element fugenlos hinein. So verlieren die Juden, vielleicht mit alleiniger Ausnahme Amerikas, zuerst seelisch und geistig, dann auch politisch und wirtschaftlich immer mehr an Boden. Es kann nicht ausbleiben, daß das Gefühl einer solchen Lage auf sie selbst zurückwirkt. Auch ohne eigentlichen persönlichen Anlaß sind sie, gerade als Juden und für ihr Judentum, nicht eben selbstbewußt, vielmehr recht kleinlaut geworden. Sie flüchten sich in elegante Sicherheit, in Tanz oder Bridge, in Kindheitserinnerungen, in Krankheiten, in vage Hoffnungen für ihre Kinder, in abgelegene Geschichtsepochen — und retten sich nur dahin nicht, woher ihnen Selbstbewußtsein, also das Bewußtsein ihrer selbst, ihrer Lage und ihrer Möglichkeiten kommen würde: in Selbsterkenntnis. Die Formeln der Umwelt für ihre Selbstdeutung zu verwenden, wie sie es gewohnt waren, verwehrt ihnen ihre Selbstachtung; doch ehe sie sich als Juden zu begreifen ver- 2

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