Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Die subjektive Judenfrage
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 520 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Werner Rosenstock man zu dieser — unverschuldeten — Situation der Geistigen die drückende Sorge der Massen um ihr persönliches Ergehen, so wird es verständlich, daß das jüdische Erleben unserer Tage vielfach nur erlitten wird. Die Abstumpfung des jüdischen Empfindens hat auch eine gewisse Laxheit dem jüdischen Gemeinschaftsleben gegenüber zur Folge; denn eine konsequente jüdische Solidarität erfordert heute Verzichte in einem Maße, wie wir sie früher nicht kannten. Da dem jüdischen Bewußtsein heute der Reiz des Besonderen und Andersartigen fehlt, so sind auch gerade die schon früher jüdisch Erfaßten heute wesentlich großzügiger in der Stellungnahme zu Tatsachen, die sie früher als unjüdisch abgelehnt hätten, wie etwa in der Einbeziehung der — kirchlich-christlich bedingten — mendelssohnschen Musik in die Kategorie „jüdische Leistungen" oder in der Ausweitung von Auseinandersetzungen über den rein jüdischen Bereich hinaus. Denn ihr jüdischer Standpunkt bildete sich in einer Zeit fragloser Verbundenheit mit den allgemeinen Werten der Umwelt, er war also, unabhängig von der jüdischen Parteistellung, synthetisch. Der „neue" Jude hingegen neigt leicht dazu, das zu verbrennen, was er angebetet hatte, und nur das anzubeten, was ihm einst völlig fern lag. Sein Standpunkt ist nicht mehr synthetisch, sondern einseitig eingeengt und daher verzerrt auf das gerichtet, was er unter Jüdischem versteht. Er erinnert gar zu oft an den Mann aus Dymows „Bronx-Expreß", der jede neue Nachricht mit der stereotypen Frage begleitet: „Ist das gut für die Juden?" Mit dieser Kritik sollen die Bemühungen der Lehrhäuser, Kulturbünde, Bildungsanstalten und Großorganisationen um die Erziehung zu einer jüdischen Haltung nicht etwa in ihrer Bedeutung gemindert oder gar für überflüssig erklärt werden. Aber nicht um ihre subjektiven Bemühungen und deren Teilerfolge, sondern um die Auswirkung auf die Gesamtsituation geht es bei dieser Betrachtung. Zwar darf die in Deutschland verbleibende Judenheit nicht, verantwortungslos, als verdorrendes Glied des jüdischen Gesamtorganismus betrachtet werden. Aber der Nährboden für eine jüdische Renaissance ist geschwächt, sowohl wegen der Sorgenschwere und Altersgliederung der Hierbleibenden, als auch wegen der starken Abwanderung gerade der vorwärtstreibenden Kräfte. Was übrig bleibt, sind wichtige Aufgaben der Bildung und der Erziehung, die das Ziel haben müssen, den jüdischen Menschen einen Halt an den geschichtlichen und geistigen Gütern seiner Gemeinschaft zu geben und ihn dadurch wenigstens teilweise von dem Gefühl persönlicher Vereinzelung und Richtungslosigkeit zu befreien. Daß es sich hierbei um mühselige Kleinarbeit handelt, macht diese Tätigkeit nicht bedeutungsloser, sondern im Gegenteil notwendiger. Solidarität 520