Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Die subjektive Judenfrage
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 519 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die subjektive Judenfrage Das Jahr 1933 war die Belastungsprobe dafür, ob diese Liebe einer kleinen Vorhut auch für den größeren zunächst rein äußerlich erfaßten Kreis fruchtbar werden könne. Viele fanden durch den Druck von außen den Weg zur eignen Gemeinschaft zurück. Daß sich unter ihnen auch Persönlichkeiten aus Literatur, Presse und höherer Beamtenschaft fanden, die nicht aus Opportunismus, sondern aus innerem Antrieb ihre Kräfte in den Dienst der auf sich zurückgeworfenen jüdischen Gemeinschaft stellten, schien eine Zeit der großen „Heimholung" einzuleiten. Doch auch die Massen wurden von dieser Umkehr erfaßt. Die zionistische Propaganda hatte hieran nicht geringen Anteil. Sie versprach dem Einzelnen einen neuen Anknüpfungspunkt für sein Leben in Palästina und bemühte sich, ihm hierdurch auch einen seelischen und geistigen Rückhalt am jüdischen Volk zu schaffen. Hierbei verfiel man zum Teil sogar in das Extrem: Menschen, die vor dem Umsturz nicht einmal gewußt hatten, was unter der Bezeichnung „Erez Jisrael" zu verstehen sei, standen mit diesem „Erez" plötzlich in plumper Vertraulichkeit auf Du und Du, als sei es stets „ihr" Land gewesen. Die Zeitentwicklung hat denen recht gegeben, die bei aller Liebe zum Palästinaaufbau seine Grenzen aufgezeigt und eine jüdische Legitimierung der Auswanderung nach Übersee gefordert hatten. Mit deutlicher, wenn auch unausgesprochener Kurswendung bezieht die zionistische Propaganda heute die Überseewanderung in ihr Wirken ein, nachdem sie sie vorher als „Verschleppung der Judenfrage" betrachtet und höchstens als private Einzellösung anerkannt hatte. Indem man sich nicht nur damit abfindet, daß Juden in ihren bisherigen Diasporaländern wohnen bleiben, sondern dazu beiträgt, daß sie in neuen Wohnländern Wurzel schlagen, erkennt man die Diasporasituation, die Herzl als Übergangssituation betrachtet hatte, als Möglichkeit eines jüdischen Lebens an. Die Judenheit in Deutschland steht somit heute vor der von allen jüdischen Richtungen gemeinsam anerkannten Aufgabe, nicht nur die Hierbleibenden und die Palästinawanderer, sondern auch die Überseewanderer in die jüdische Gemeinschaft einzugliedern. Für die Verbleibenden, soweit sie im geistigen Raum aktiv sind, ist die Spannung, die einstmals den eigentümlichen Reiz der jüdischen Haltung ausmachte, seit der Dissimilierung durch die Umwelt geschwunden. Es fehlt die Freiwilligkeit, die der Hinwendung zum Jüdischen ihre besondere Weihe gab. Zählt 519