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Der Morgen · 1938-03-01 · Heft 12 (März 1938) · p. 518

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 12 (März 1938)
Article
Die subjektive Judenfrage
Date
1938-03-01
Page
518 (sequence 3)
Language
German
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Werner Rosenstock als Jude. Wassermanns grandiose „Waremme"-Figur aus dem „Fall Maurizius", die eigentlich Warschauer heißt und autobiographische Züge trägt, bricht in die Worte aus: „Der Jude will Jude sein. Was bedeutet das? Vollkommen erklären kann es kein Mensch." Über Rathenaus jüdisch bedingte Gebrochenheit geben zahlreiche seiner Äußerungen auch dann Aufschluß, wenn sie nicht von Juden sprechen. Es ergab nur graduelle Unterschiede, ob diese Spannung zum Selbsthaß, zur Verdrängung des Jüdischen oder zum Fehlen der letzten Ausgeglichenheit führte. Sie war da und verlangte eine Lösung. So mußten Worte wie die von der „lügenverstrickten jüdischen Existenz" blitzartig zu Erkenntnissen führen und jüdischen Menschen auf der Suche nach sich selbst den Weg zu einem umfassenderen Judesein bahnen, das zur inneren Mitte ihres Daseins werden könnte. Zwar erstrebte der politische Zionismus, der seiner Natur nach zu solchen radikalen Enthüllungen besonders geeignet war, diese „Rückkehr zum Judentum" nicht als letzte Zielsetzung, sondern nur als Vorstufe zur „Rückkehr ins Judenland". Aber das Leben richtete sich nicht nach dieser Doktrin, und tatsächlich schaltete in Deutschland auch derZionist in der Regel die Rückkehr ins Judenland für sich und seine Kinder aus der persönlichen Lebensentscheidung aus. Da es sich somit nicht um eine Entscheidung zur letzten Zielsetzung des politischen Zionismus, sondern eigentlich um das Bejahen der darin eingeschlossenen Neuformung des jüdischen Menschen handelte, ging die „kopernikanische Wendung" zum Judischen quer durch die jüdischen Parteigruppen hindurch und erfaßte, insbesondere unter der Jugend, auch weite nichtzionistische Kreise. Die Hinwendung zum Jüdischen bedeutete keine Ausschaltung der Umweltwerte und keine Aufrichtung geistiger Gettoschranken. Sie schuf vielmehr eine neue feste Grundlage, die auch eine klarere und echtere Beziehung zur Umwelt ermöglichen sollte. Ohne schematisch abzugrenzen, verhinderte ein in sich ruhendes jüdisches Lebensgefühl die Verletzung der Taktgrenze in der Stellung zur Umwelt. Diese Neuformung des Jüdischen mußte in einem indifferenten oder in eingefahrenen Gleisen verharrenden jüdischen Milieu revolutionierend für die Erfaßten und für die Nichterfaßten wirken. Aber wie in so mancher Liebe, die von dem Freudengefühl des ersten Findens getragen und noch nicht durch die Sorgen des Alltags belastet ist, so steckte auch in dieser Liebe zum Jüdischen ein gut Stück Romantik. Der jüdischen Entscheidung wohnte noch nicht der Charakter der täglichen unmittelbaren Stigmatisierung inne, sie bedeutete kein Weniger an Weltoffenheit, sondern ein Mehr an persönlicher Geschlossenheit. 518

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