Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Die subjektive Judenfrage
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 517 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895579-2908008--10454-2908062- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die subjektive Judenfrage sehen Märtyrer war nicht durch eine besondere jüdische „Randspannung" bedingt. Ebenso ist auch im heutigen Palästina die subjektive Judenfrage praktisch aufgehoben: zwischen Juden und arabischer „Umwelt" mögen die Reibungen noch so stark sein, es sind nationale Spannungen, denen das für die subjektive Judenfrage charakteristische Überschneiden von Eigenwelt und Umweit fehlt. Bei oberflächlicher Betrachtung schien in Deutschland schon in den letzten Jahrzehnten eine subjektive Judenfrage nicht mehr zu bestehen. Die meisten jüdischen Kreise fühlten sich unproblematisch in ihre Umwelt eingeordnet, ihr Judesein auf ganz bestimmte und begrenzte Lebensgebiete beschränkt. In kultureller Hinsicht waren sie vorbehaltlos den Werten der Umwelt zugewandt, auch soweit im gesellschaftlichen Verkehr, meist unbewußt, eine gewisse Eigenstellung bewahrt blieb. Die stärkste Ausgeglichenheit darin war nicht in der Großstadt, sondern in der Kleinstadt und auf dem Lande anzutreffen. Die Großstadtjuden hatten sich zwar meist stärker von ihren Ursprungswerten entfernt, verkehrten aber andererseits fast ausschließlich unter Juden, „im unbewußten Ghetto". In der Kleinstadt hingegen lebte vielfach ein noch ungebrochenes, von echter Frömmigkeit unterbautes Judentum; andererseits jedoch war die persönliche Verflochtenheit mit der Umwelt größer, da eine geschlossene jüdische Gesellschaftsschicht in Kleingemeinden wegfiel und der einzelne Jude auch nicht wie in der Großstadt in der Anonymität untertauchen konnte. Deshalb ist es auch kein Zufall, daß die Bewegung des Centrai-Vereins — denn um eine Bewegung und nicht lediglich um eine Organisation handelte es sich — ihren fruchtbarsten Nährboden in der Mittel- und Kleinstadt fand. Es galt, die damals subjektiv empfundene Ausgeglichenheit der jüdischen Menschen vor der Gefahr des Abgleitens in die allmähliche Auflösung zu bewahren, das Gefälle der subjektiven Assimiliertheit in richtige Bahnen zu lenken, die geschichtlich vorhandene — und vom Staat geforderte — jüdische Situation jüdisch fruchtbar zu machen. Und dennoch wäre es falsch zu sagen, daß es eine subjektive Judenfrage damals nicht gegeben hätte. Sie war vorhanden und wurde in den Kreisen der differenzierteren Juden auch empfunden, — und sei es auch nur, indem sie verdrängt wurde. Dies zeigt sich z. B. gerade an Persönlichkeiten, die in ihrer Wirksamkeit aus ihrem jüdischen Herkunftskreis herauswuchsen wie Schnitzler, Wassermann und Rathenau. Schnitzlers „Professor Bernhardi" durchlebt sein Drama nicht nur als Gegenspieler überlieferter kirchlicher Vorstellungen, sondern vor allem 517