Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Zionismus und Zionsliebe
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 511 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Marx: Der Wanderer Ich bin der Hirte, dem der Quell einst sang, zu dem das Licht aus Finsternissen drang, vor dessen Staunen sich die Schöpfung baute: ich bin das Auge, das die Gottheit schaute. Ich bin der Dichter, der das Leid der Welt in seiner Hände heil'gen Schalen hält, ich muß in meiner Nächte heißem Ringen zu Gott die Psalmen meiner Seele singen. Ich bin der Bettler, arm, doch unentwegt, der heimlich eine Königskrone trägt, daran die Tränen sich zu Perlen reihten, den Weg ihm leuchtend durch die Nacht der Zeiten. Ich bin die Brücke, kühn und weit gespannt, vom Gestern-Land in lichtes Morgen-Land, ich muß auf meinen Pfeilern sonder Fragen die schwere Last des Überganges tragen. Volk mitgerissen hat. „Ich liebe euch, spricht Gott, ihr aber sprechet, wieso liebst Du uns." Mit diesen Worten rechtet der Prophet Maleachi mit dem jüdischen Volk. Aus der Entgegnung des Volkes spricht eine schwere Depression. „Wieso liebst Du uns?", sagt das tief niedergedrückte Volk zu Gott. Diese qualvolle Frage hat etwas von der abwehrenden Bewegung, die sagt: Laß uns doch in Ruhe. Du erzählst uns von der Erwählung unseres Volkes. Was sollen wir damit? Das Volk weiß mit der Erinnerung an seine Erwählung nichts anzufangen. Es sieht nur seine mißliche Lage. Die Rückkehr eines Teiles des Volkes aus Babylon nach Jerusalem war erfolgt. Aber der Aufbau ging zunächst nur langsam vonstatten, durch innere und äußere Schwierigkeiten gehemmt. Wie sah dieses Zion aus? Es war eine kleine Judensiedlung in Palästina. Wo lag die Weltbedeutung dieses Zion? War dieses Zion mehr als ein orientalisches Judenviertel? In diese Krise griff der Prophet Maleachi ein. Er kämpft gegen sie mit dem Worte: „Eure Augen werden es sehen, und ihr selbst werdet es sagen: 'Groß ist Gott weit über das Gebiet von Israel hinaus'" (1,5). Dieses Wort verlegt den Trost für den Augenblick über das Jetzt und Hier hinaus und bindet Zion und die Welt in eins. Auf 511