Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Erkel Gawlick
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 507 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Erkel Gawlick Wir fragen dich — wir fragen dich. . . Denn ihr sollt daran denken, morgens, wenn ihr aufsteht, und des Nachts in euern Träumen: dieses ist der letzte Tag. Habt ihr abgeschlossen? Seid ihr bereit? Die Nacht geht langsam, ein Rad im tiefen Sand. Aber dann, am Morgen, Jebt die Welt noch einmal in allen Farben auf, leuchtend, zwingend und sonderbar. Erkel Gawlick steigt aus seinem Bett und betrachtet ernst die Dinge, die er Tag um Tag am Leibe trägt. Mit einem Griff streicht er das Unterzeug vom Stuhl. Dann dreht er Rock und Hose in den Händen, holt eine Bürste und reibt gewissenhaft uralte Flecken aus dem schäbigen Stoff. Die Stiefel macht er mit dem Bett-Tuch blank. Er holt aus seinem Spind das beste Hemd; bevor er es überzieht, wäscht er seinen ganzen Leib mit frommem und unnachgiebigem Eifer. Alles das ist wider die Gewohnheit; trotzdem handelt er nicht absichtsvoll. Aufruhr herrscht in seiner Brust. Der Druck der Nacht hat Pflichten hinterlassen, welche, weiß er jetzt nicht mehr; nur, daß eine Frage über seinem Wesen lastet, eine Mahnung ohne Worte, die als tiefer Ton durch seine Taten summt. Eine unerklärbare Entrücktheit hat von ihm Besitz ergriffen; traumschwer fühlt er sich, mit Festlichkeit und Würde behaftet, die er sich nicht selber gibt. Er ißt auch nicht, füllt nur bedächtig ein Glas mit frischem Wasser, saugt den Mund mit Kühle voll und speit sie ruhig wieder von sich. Als er geht, läßt er weit die Stiegentüre offen. Auf der Straße vor dem Haus sitzt ein Krüppelkind und spielt mit einer welken Butterblume. Erkel Gawlick spricht zu ihm. Das Kind wirft außer sich vor Schreck die Blume aufs Pflaster und humpelt in langen Schritten davon. Gawlick beugt sich nieder, hebt die gelbe Blüte auf und nimmt sie mit auf seinen Weg. Er geht. Der magere Kopf ist schwer gesenkt. Einmal bleibt er stehn, ein Zwang lenkt ihn. Heftig schwenkt er ab, überquert den Straßendamm und betritt den nächsten Krämerladen. Er verlangt ein Jahrzeitlicht. Jemand drückt ihm eine Kerze in die Hand; zwar ist er nicht ganz zufrieden, Jahrzeitlicht ist Öl und Docht, aber er zahlt, redet keinen Ton dawider und wendet sich zum Ausgang. Weiter. Erkel Gawlick muß zum Lumpenspeicher. Sonst, des Morgens, weiß er, wohin er geht. Heute weiß er es nicht, heute tut er einfach, was er muß. Beim Schlächter kauft er Speck, eine ganze schwere Seite. Der Junge hinterm Tontisch starrt ihn an und fragt, ob der Herr Gawlick es selber tragen wolle. Der Alte gibt ihm keine Antwort. „Werd* es dem Herrn schon rübertragen", sagt er rasch. Am frühen Morgen kommen keine Kunden, und der Speicherhof 507