Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Der Psalter
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 500 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Rudolf Hallo die alexandrinische Epoche. Was uns hier beschäftigt, ist aber nicht diese Frage nach der Entstehungszeit des einzelnen Psalms, sondern die Frage nach dem Grunde seiner Zulassung in die Psalmensammlung und dem Grunde der Einordnung in dieses oder jenes Buch während der langen Zeiträume des Sammeins. Wir fragen also nicht nach der absoluten Bedeutung von Ziffern, sondern nach dem Stellenwert von Zahlen, um in deutlichen Vergleichen zu sprechen. Und wir präzisieren die Abhängigkeit der Fünfteilung des Psalters von der Fünfteilung der Tora auf die innere Aneignung jenes ursprünglich vielleicht fremden, jedenfalls aber schon einmal jüdisch verwendeten künstlerischen Gedankens. Wir nehmen deshalb, auch ohne es stets vorzuzeigen, Kenntnis von der Oszillation unter der Oberfläche, von dem unruhevollen Kampf um die „Kanonisierung" und Auslese und Anordnung unserer 150 Psalmen, aber wir fragen nur nach dem Resultat dieses Kampfes. Denn das Resultat verkörpert die Harmonisierung aller Widerspiele und bezeichnet den Anordnungszustand der Objekte, mit dem sich die Ordnenden, aus freudiger oder aus müder Zustimmung, zufrieden gaben4). Das heißt: das uns vorliegende Resultat der Auslese und Anordnung von 150 Psalmen zu unserem Psalter behandeln wir nicht als den Prozeß der künstlerischen Gestaltwerdung poetischer Ideen, sondern als eine musivische Arbeit, die aus kleinen wohlbekannten Formteilen eine große vorahnbare Form entstehen läßt. Außer den gewichtigen buchschließenden Eulogieen war nichts mehr zu schaffen, sondern das bereits Vorhandene war mit der Kraft des Gedankens zu ordnen. So muß sich in der Struktur des Psalters der Strukturgedanke seiner Ordnung eingeprägt finden. Ihn gilt es zu entbinden, die in ihm aufgespeicherte Energie zu entfesseln, hier am Psalter wie dort an den fünf Büchern Mosis. Mit solchem Blick auf die Welt zu blicken wie in ihnen, mit solcher Kraft die Dinge zum Reden zu bringen, mit solcher Inbrunst das Recht Gottes zu vertreten und mit solchem Mut alle die klaren und die unklaren, die reinen und die trüben, die mächtigen und die schwachen Stimmen zu einem Klang zu sammeln, wie er den Alten aus dem Kanon der fünf Bücher Mosis entgegenklang, das bezeugt in den Sammlern einen Reichtum an Menschlichkeit und eine Fülle von Glauben, die uns Nachgeborene beschämt. Denn jene Väter waren stark und aufrichtig genug, kein Drama zu schreiben, aus dem die unheldischen und unförmigen Schlacken ausgesondert würden. Im Gegenteil, sie ließen in den fünf Büchern so viel Schlacken darin, daß seit *) Als Rabbi Jehoschua ben Levi dit Ordnung der Psalmen zu verändern dachte, warnte ihn eine himmlische Stimme mit den Worten: Störe nicht, was ruht (Mid rasch Tillim nach Fürst, Kanon S. 68). 500