Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Der Psalter
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 499 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Psalter Fällt nicht unsere Einsicht in den Bau des Psalters wie ein Blitzlicht auf den Aufbau der fünf Bücher Mosis zurück? Sind sie nicht wie ein gewaltiges Monument? Von der Basis der Schöpfung einer Welt bis zu der Spitze im Manne Gottes, Moses? Wachsen sich die Riesenkegel der Tora und des Psalters nicht entgegen? Dieser, der Psalter, mit Segen und Fluch beginnend, zitternd eng und dann hinausschwingend über Menschen, Berge und Himmel, bis zu dem übersündigen, übergerechten, einfachen Jubelgesang aller Geschöpfe? Und ihm entgegen jener Kegel der Tora, aus aller Breite Himmels und der Erde, Völker scheidend, Ahnen reihend, Fäden schürzend, um in immer engeren und höheren Windungen aus Mosis Geschlecht ihn allein herauszuheben, ihn in seiner Übereiltheit und Verzagtheit, in seiner Schwäche und Stärke, ihn zeigend, bis er zur Höhe der Würdigung emporwächst, Gottes Wort an sein Volk zu verkünden? Ein Held und doch was für ein Mensch, er, der die Schlachten des Geistes und leibliche Schlachten wagt, der besiegt wird und siegt, der viel sündigt und viel heilt, und der doch steigt bis er auf der Höhe des Berges, von Todesschauern umrieselt, seinem Gotte alles Geschaffene und Gestiftete, durchströmt von einem einheitlichen Kraftstrom, beredt geworden durch einen einhelligen Odem, in dem Gebot der Heiligung zurückreicht und, von ferne das gelobte Land sehend, berechtigt wird, zu segnen u n d zu fluchen, weil er weiß, was gut und böse ist! Ein Drama freilich, aber keins von der Bühne. Und wer weiß, woher die 5-Akt-Teilung dieses Dramas stammt. Denn hier ist es wirklich schwer, die Buchgrenzen (Aktschlüsse) zu begründen, hier bei der Tora hebt sich die Genesis zwar von den übrigen vier Büchern in natürlicher Gliederung ab, aber nicht die vier übrigen Bücher voneinander. Und deshalb erscheint hier die Fünfteilung wie eine von außen eingeführte Skandierung der alten überkommenen Toramasse. Es bedarf hier äußerster Deutlichkeit im Ausdruck: einerseits wird lediglich zu der Fünfteilung der längst abgeschlossenen Schriftensammlungen, die die Tora bilden, die Möglichkeit griechischer Anregung erwogen, da abgesehen von symbolischen oder uneigentlichen Gründen — wie es auch offenbarte Anweisung wäre, die nicht begründet, sondern befiehlt — keine durchfühlbare Natürlichkeit die Gelenke gerade an jene- Stellen, an denen wir sie vorfinden, gesetzt hat. Andererseits: der Gedanke der Fünfteilung des Psalters mag bis in alexandrinische Zeit hinaufreichen (hat doch die griechische Übersetzung Teilung und Anordnung wie der Urtext); über das Alter jedes einzelnen Psalms ist damit noch gar nichts gesagt. Es gehört historisch-kritische Einzeluntersuchung dazu, um festzustellen, wann der einzelne Psalm entstanden ist, und es kann sich dabei herausstellen, daß ein Psalm weit älter ist als 499