Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Der Psalter
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 498 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Rudolf Hallo Liebe, immer größere Kreise zieht sie in ihre hymnische Aufforderung, selbst das nur Notgeborene — das Gebot — wird dem Steigenden durchleuchtet, Ps. 119, bis am Ende des Aufstiegs über alles was Odem hat der Wunsch gesagt werden kann: Alles was Odem hat, preise den Herrn! Sehen wir nur auf die geradezu thematischen Buchanfänge: I. Wohl dem, der nicht wandelt im Rate der Gottlosen (d. h. nach der falschen Unterweisung der Gottlosen): das Herumsehen im beschränkten Kreis, ein ängstlich enges Abwägen von Fromm gegen Unfromm, des Nächsten gegen uns selbst, das Kreiseln und die Negation. II. Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu Dir! Das Herausbrechen aus dem Ring der Beschränktheit, das Eingeständnis der Not, das Hilfgesuch an den der Hilfe bringen kann, die Zertrümmerung des Kreises der Selbstigkeit und des verschämten Trotzes. III. Israel hat dennoch Gott zum Trost, wer nur reines Herzens ist: die tiefere Einsicht in das was Not ist; Israel hat Gott zum Trost, nicht: Israel ist fromm. Die aus der Mitte fliehende Kraft hat eine bestimmte Richtung angenommen, der in sich selbst kreisende Reif hat sich zur Ranke aufgerollt, die ihren Anhalt kennt; der namenlos allgemeine Beter ist zur geschichtstragenden bestimmten Person geworden, zu Israel. IV. Du bist unsere Zuflucht für und für, dor wador, für Geschlecht auf Geschlecht. Hier ist überhaupt nicht mehr die Rede davon, was wir sind oder was ich bin — außer daß ich ein Glied in der laufenden Kette bin — sondern was der ist, ohne den unsere Frömmigkeit leer wäre. Alles was an uns geschieht, was an unseren Vorfahren geschah und an unseren Nachfahren geschehen wird, alles kommt von dem, zu dem jedes Geschlecht sagen kann: Du bist unsere Zuflucht V. Danket dem (nein vielmehr „hodu" preiset den) Herrn, denn er ist freundlich: preiset ihn, ihr Alle, nicht etwa bloß ihr Frommen. Wo ist überhaupt jener gewichtige Unterschied zwischen Frommen und Unfrommen hin? Sind wir nicht allzumal Sünder? Nicht uns die Ehre, so wehrt Ps. 115 ab, sondern, Ps. 150: Alles was Odem hat, preise den Herrn, Hallelujah! — Eine ungeheure Strecke ist durchmessen. Hölle, Fegefeuer und Paradies sind noch unzulängliche Vergleiche. Und diese Strecke führte uns kein dichtender, darlegend kühler Dante, sondern die ewig Namenlosen, die aus 150 Psalmen den größten aller Psalmen schufen, den Psalter: unsere Väter! Aber damit ist noch nicht alles gesagt. Noch ein Gebilde enthüllt jetzt unseren schärferen Augen seine formbildende Struktur: die fünf Bücher Mosis. 498