Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Der Psalter
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 497 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Psalter daß unabhängig von allen Autor- und Zeitfragen im ersten Buch eine schwere drückende Stimmung herrscht. Das ist auffällig. Wir sehen also einen tiefen Punkt am Anfang und einen hohen Punkt am Ende des Psalters. Das steigert unsere Aufmerksamkeit bis zu dem Grade, daß wir bemerken, daß im ersten Buch das Böse (das Gottlose) als schlechthin Vorhandenes neben dem Guten gleichen Raum beansprucht, und das nicht nur draußen in der Welt der Erscheinungen, sondern auch in den Gedanken des oder der Psalmisten. Das Gesichtsfeld dieser Psalmisten ist eng, klein, unfrei. Ihre ganze Kraft verzehrt sich in dem Kampf um die Selbstbehauptung und die Hintanhaltung des Bösen. Im zweiten Buch, das nicht umsonst für die meisten seiner Psalmen David als Autor angibt, wird zwar das Böse noch gar breit erwogen, aber nicht das Böse an und für sich, das unabhängig von unserem Gut- oder Bösesein einfach da wäre, sondern das Böse, das individuell durch diese oder jene Person, für diese oder jene Person, vor dieser oder jener Person entsteht. Und der Name Davids über diesen Psalmen verleiht wohl nur dem zwingenden Gefühl der individuellen Artung jedes dieser Psalmen Ausdruck, wobei die Wahrscheinlichkeit, ob David wirklich der Sänger dieser Lieder ist, weder erörtert werden soll noch muß. Zwischen dem bzw. den Psalmisten des zweiten Buches und dem Bösen besteht der fruchtbare Kontakt der Feindschaft, zwischen dem Psalmisten des ersten Buches und dem Bösen besteht die Hilflosigkeit des Verhängnisses. Diese Kraft, die in dem zweiten, persönlichsten Buch der Sammlung liegt, ergreift im dritten und weiter dann im vierten Buch nun auch das Unböse, die Sache, und bringt sie in Beziehung zur Person. Zuerst die Dinge im Raum, die Natur, dann den Ablauf der Zeit, der durch diese Beziehung auf die Person zur Geschichte wird; ja noch nicht genug damit, der zur Schickung wird, wie die Natur zur Schöpfung wird, wo der ahnende Blick durch den Schein der Begebenheiten und Gestalten hindurchzublicken wagt. Je mehr Geschichte und Natur in Beziehung zur Person oder zum Personenkreis des Volkes gesetzt werden, desto mehr verschwinden ihre erschreckenden Erhabenheiten, desto mehr verschwinden aber auch die menschlichen Kleinheiten, und alles Geschaffene steht in gleicher Angst, mit gleicher Not, mit gleicher" Hoffnung vor Gott. Trotz aller Abfälle, aller bis zum Haß sinkenden Ungläubigkeit in der Haltung des Beters, der auf dem steilen Wege hinaufgeht — denn die Psalmisten sind zwar viele Beter, aber der Psalter hat nur einen — steigt er doch, überwindet Vorberge und Zwischenschluchten, verläßt das Geisterheer des Bösen und der Bösen, vergißt den Stolz auf Verdienst und Frömmigkeit, reinigt Herz und Auge, bis jene klaren Formen auftauchen, zu denen wir mit ihm wie angezogen wandeln. Immer weiter wird die 497