Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Gedanken zur Berufswahl
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 491 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gedanken zur Berufswahl Trotz der scheinbaren Zwangsläufigkeit und Unerbittlichkeit aller äußeren Faktoren entscheiden immer noch die persönlichen Voraussetzungen der Berufswahl den Erfolg. Eine Forderung der Art, alle jüdischen Jugendlichen müßten in landwirtschaftlichen Berufen ausgebildet werden, wäre ebenso falsch, wie die Eignung von Juden für handarbeitende Berufe ganz und gar leugnen zu wollen. Eignung und Neigung können bis zu einem gewissen Grad entwickelt werden. Die Kräfte, die in einem jungen Menschen schlummern, heranzubilden und in eine bestimmte Richtung zu führen, Interessen zu erwecken und den Weg zu sinnvoller Lebensgestaltung zu zeigen, ist Aufgabe der Erziehung. Beratung in der Berufswahl ist ebenso notwendig wie jeder andere Einfluß, den die bildungsmäßige oder sittliche Entwicklung von Jugendlichen vom Erzieher fordert. Freude an dem gewählten Beruf ist das erste Erfordernis. Der Jugendliche darf nicht das Gefühl haben, aus Verlegenheit, Not oder Zwang einen Lebensweg gewählt zu haben, den er sonst nie ergriffen hätte. Beruf muß Berufung bedeuten, muß Inhalt des Lebens werden, sonst läßt er die tiefsten Fähigkeiten unentwickelt, die Befriedigung in der eignen Leistung ungelöst. Die Erziehung der Jugend ist eine zentrale Aufgabe jeder Gemeinschaft, gerade dann, wenn schwere Existenzsorgen diese Gemeinschaft bedrängen. Es ist in letzter Zeit viel darüber geschrieben und gesprochen worden, daß unsere jüdische Jugend bedrohlich haltlos und gefährdet sei. Das mag in gewissen Grenzen zutreffen, gilt jedoch für die jüdische Gesamtheit in Deutschland überhaupt. Der Jugend aber kann eine bessere Zukunft offen stehen. Voraussetzung bleibt immer das Bekenntnis zu ihrem Judentum. Glücklich der Teil der Jugend, der den Weg der Verwirklichung eines erfüllten Lebens in Erez Jisrael gehen kann. Für diesen Teil der jüdischen Jugend brauchen wir nicht in Sorge um ihre Zukunft zu sein: mag auch der Alltag schwer, die Anforderung an jeden einzelnen groß sein, — das Bewußtsein, am Aufbau des jüdischen Landes mitzuhelfen, läßt Schwierigkeiten überwinden und gibt die Kraft, Entbehrungen auf sich zu nehmen. Den übrigen Teil der jüdischen Jugend, der diesen Weg nicht gehen kann oder will, darf nicht das Bewußtsein belasten, Juden minderen Ranges, Stiefkinder der Gemeinschaft zu sein. Ihnen muß man erst recht das Wissen, das Gefühl und den 491